Wie viel Hochwasser darf's denn sein?

DIEPOLDSAU. Seit 150 Jahren wird der Rhein durch Bund und Kanton vermessen. Zu einem Tag der offenen Messstation in Diepoldsau wurde die Öffentlichkeit am Samstag eingeladen. Durch die jüngsten Ereignisse war das Thema Hochwasser gegeben.

Maya Schmid-Egert
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Walter Freund Kantonsrat

Walter Freund Kantonsrat

Eine Gefahr geht um im Rheintal. Sie trägt einen Namen, der an gefährliche Viren erinnert: HQ 100. H steht für Hochwasser, Q für Quantität. Gemeint ist ein Hochwasser, wie es nur alle hundert Jahre vorkommt. Das ist dann der Fall, wenn der Rhein 2600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde führt. Beim Hochwasser 1987 wurde ein Spitzenwert von 2665 m³/s gemessen. Soweit die Definition des Bundesamtes für Umwelt (BAFU).

600 Millionen für Umbau

Interessant: Die Internationale Rheinregulierung (IRR), die zusammen mit der Internationalen Regierungskommission Alpenrhein (IRKA) den Rhein für ca. 600 Millionen umbauen will (Rhesi), setzt HQ 100 bei 3100 m³/s an. Beim BAFU spräche man von einem HQ 300. Eine Diskrepanz, die politische Brisanz birgt.

Doch: Ob HQ 100 oder HQ 300 – beiden gemein ist, dass sie nüchtern betrachtet keine latente, alltägliche Gefahr darstellen. Im Gegensatz zu einem HQ 2 (1285 m³/s) mit Schadenfolge etwa, das die Politik zum Handeln bewegen müsste. Eine Erkenntnis, die wir dem BAFU zu verdanken haben, das seit 150 Jahren den Rhein hydrometrisch erhebt und analysiert. Und die uns zur Frage bringt: Wie viel Hochwasser können und wollen wir uns leisten? Wollen wir die absolute Sicherheit (Rhesi zielt in diese Richtung) oder können wir mit der in Abständen von 50 bis 100 Jahren sich zeigenden Ungezähmtheit des einst so gefürchteten «grössten Wildflusses Europas» leben?

Diepoldsauer Messstation

Anlässlich des Jubiläums öffnete das BAFU in Zusammenarbeit mit dem Amt für Umwelt (AfU) am Samstag die Tür der Diepoldsauer Messstation. Sie befindet sich direkt bei der Rietbrücke, fast auf gleicher Höhe.

Von hier aus werden Pegel, Abflussmenge und Schwebstoffe des Rheines und weitere Qualitäten gemessen. Die Daten werden an die Logger in der Station übermittelt. Gebündelt gehen diese weiter ans BAFU nach Ittigen. Dort bereitet Andreas Kohler sie auf und gibt sie ins Internet (und als App) frei. Er wies darauf hin, dass es sich hierbei immer um provisorische Rohdaten handle. Exakte Analysen bedürften genauerer Abklärungen. Manchmal gehen die Daten an die Zentrale der Certas, die Alarm auslöst. Dies war am 1. Juni der Fall, als der Grundwasserspiegel rund um den Binnenkanal anschwoll. Andreas Gees vom AfU demonstrierte den im Rheinvorland platzierten Limnographen, der diese Daten misst. Das Amt stellt fest: Das Ereignis steht quer zum Trend, der eher eine Rückläufigkeit des Grundwasserspiegels anzeigt.

Messungen von Hand

Interessant ist die Erhebung der Schwebstoffe. Diese wird von Hand vorgenommen, zweimal wöchentlich, stets zur gleichen Zeit. Der pensionierte Ruedi Menzi versenkt eine Art Metallkapsel im Rhein, fängt damit das Wasser ein, schickt es nach Ittigen. Das BAFU misst den Anteil fester Stoffe. 2,5 Millionen Kubik Geschiebe, davon 40 000 Kubik Kies, trägt der Rhein jährlich mit sich. Auf das Einzugsgebiet von 6119 Quadratmetern mache dies jährlich eine um bis zu einem ganzen Zentimeter wachsende Sohle aus, rechnete Ruedi Menzi vor.

Andreas Kohler vom BAFU erklärte anhand von Tafeln die Vermessung des Rheins. (Bilder: Maya Schmid-Egert)

Andreas Kohler vom BAFU erklärte anhand von Tafeln die Vermessung des Rheins. (Bilder: Maya Schmid-Egert)

Am 27. September 2012 hatte es 29 Gramm Sand in einem Liter Wasser (rechte, trübe Flasche). Links zeigt Ruedi Menzi die Messung vom Samstag.

Am 27. September 2012 hatte es 29 Gramm Sand in einem Liter Wasser (rechte, trübe Flasche). Links zeigt Ruedi Menzi die Messung vom Samstag.

Misst Grundwasserpegel: Andreas Gees mit dem AfU-Limnographen.

Misst Grundwasserpegel: Andreas Gees mit dem AfU-Limnographen.