Wie geht schweizerisch? Wie multikulti?

HEERBRUGG. Frühförderung, ein umstrittenes pädagogisches Anliegen, scheint bei Migrantenkindern eine grosse Bedeutung zu haben. Die Sprachschule Susanne Büchler hat dies erkannt. Neben Deutsch lernen die Kinder die schweizerische Mentalität kennen.

Maya Schmid-Egert
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Abschiedsszene: Die Kinder werden abgeholt. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Abschiedsszene: Die Kinder werden abgeholt. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Treffpunkt eins ist die Berneckerstrasse 215, gegenüber des RAV. Zwei Häuser weiter befindet sich der A-Treff. Man muss um das Haus herum gehen, um den Raum für die Kinderbetreuung der Sprachschule zu finden. Wo es ist, erkennt man sofort. Mit Zeichnungen beklebte Fenster ohne Vorhänge machen den Blick ins Innere frei. Was man sieht: ein grosses Spielzimmer. Dann wird's knifflig. Ein kindergesichertes Türchen versperrt den Weg. Lange her, seit man das letzte Mal eines bediente. Es klappt.

Hamdi, Sadio, Leandro, Noela und Enya schauen kurz auf und tun das, was kleine Kinder morgens um zehn so tun. Spielen, essen, lachen.

Der Minenstift der schreibenden Fremden erweckt das Interesse des dunkelhäutigen Mädchens mit den wachen Augen. «Wie heisst du?» – «Hamdi.» – «Kannst du deinen Namen schreiben?» Eine ungeschickte Frage. Das Mädchen ist erst dreieinhalb. Doch Hamdi nimmt den Stift und schreibt. Kringel und Kreise. «Heisst das Hamdi?» – «Ja.» Eine herrlich unbekümmerte Welt.

Die Somalierin und ihre einjährige Schwester Sadio besuchen die Kinderbetreuung seit April. Spielgruppenleiterin Eveline Eugster erinnert sich, dass die Mädchen damals kein Wort Deutsch verstehen konnten.

Hamdi hat Hunger. Sie zeigt auf die Box mit den getrockneten Apfelringen. «Wie heisst es?», wird sie hochdeutsch gefragt. «Darf ich bitte Äpfel haben?», antwortet das Mädchen lehrbuchmässig.

Eine typische Situation. Man lernt gerade, was man braucht. Wozu ist Lernen sonst da?

Jetzt bringt Leandro sein Bilderbuch. «Wie heisst das?» – «Das ist ein Bagger.» – «Ist das auch einer?» – «Nein, es hat nur einen Bagger.» Gestochenes Schriftdeutsch, das aus dem Mündchen kommt. Und die Haussprache; denn Mundart lernt man als Kind sowieso.

Der Zweijährige kommt her, weil seine aus Deutschland stammende Mama arbeitet. Die Zeiten von 8 bis 11.15 Uhr sind für Berufstätige attraktiv. Profitieren kann er von der Frühförderung. Still sitzen, was ist mein – was dein, alleine aufs WC gehen – Sachen, auf die im Kindergarten später Wert gelegt wird.

Auch Kulturelles wird beigebracht. Dass man Unterwäsche trägt, entspricht nicht jeder Mentalität, ist von Eveline Eugster zu erfahren. An der Pädagogischen Hochschule St. Gallen hat sie eine Weiterbildung zum Thema «Integration und Frühförderung» besucht. Mehr gibt es noch nicht. Sie wünscht sich mehr Beachtung: «Alles steckt in der Entwicklung.»

Flexibel werden

Während die Kinder spielend Deutsch lernen, tun es ihnen die Mütter an fünf Morgen in den Intensivkursen gleich. Dies war die ursprüngliche Idee, die Susanne Büchler verfolgte. Schnell merkte die Schulleiterin, dass dies nicht funktioniert. «Wir mussten flexibel werden und auf individuelle Wünsche eingehen», sagt sie. So funktioniert es.

Treffpunkt zwei ist die Berneckerstrasse 14, auf der anderen Seite, im Tortuga-Gebäude.

Anzutreffen ist eine typische Lernsituation, ein Bild wie aus der Klubschulbroschüre. Zehn Erwachsene, vorwiegend Frauen, büffeln Deutsch. Ihr Niveau: A1. Das ist die Grundstufe, in der alltägliche Situationen geübt werden. Fast verhallt die Frage, wer für ein Interview zu haben wäre, als Yotam Motzafi sich meldet.

«Woher stammen Sie?»

«Aus Israel, aber schreiben Sie dies bitte nicht.»

«Warum?»

«Weil dort alles so problematisch ist.»

«Sie meinen die Politik, die Religion?»

«Ja, genau. Kein guter Ort, um dort zu leben. Die Schweiz ist besser.» – «Was ist besser?»

«In Israel kann man noch so viel Geld verdienen und bekommt nicht so viel zurück wie hier.»

Zu erfahren ist, dass der junge Mann mit einer Schweizerin verheiratet ist, zwei Kinder hat und in Thal lebt. Momentan lebt die Familie vom Lohn der Frau, die auf der Post arbeitet. Yotam Motzafi besucht die Deutschkurse, um auch die deutsche Grammatik und Rechtschreibung zu erlernen. Sein Ziel: Wie in seiner Heimat will er wieder Drehbücher schreiben und Filme drehen. Das hat er studiert und damit will er seine Familie ernähren.

«Ist denn diese Sprachschule der richtige Ort dafür?»

«Ja, unbedingt.»

«Warum?»

«Weil man auch sehr viel über die verschiedenen Nationen erfährt. Das ist spannend.»

Treffpunkt drei bleibt unbesucht. Es ist die Bahnhofstrasse 9, in der Ellipse am Markt. Susanne Büchlers Büro befindet sich dort. Noch nicht lange. Dort wird sie am späteren Nachmittag Behördenvertreter empfangen. Ihnen zeigen, wohin die Subventionen, die sie teilweise erhält, fliessen. Und dafür sorgen, dass dies so bleibt. So bleiben die Kurse auch für tiefe Gehälter bezahlbar.