Wie geht das – nicht gemein sein?

Bei der Frage von Reinheitsgeboten berührt Jesus eine der Grundfragen von Religion überhaupt.

Christoph Klein Altstätten
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Bei der Frage von Reinheitsgeboten berührt Jesus eine der Grundfragen von Religion überhaupt.

Gemein – wer will das schon sein? Eigentlich heisst das Wort nur «allgemein», also «so wie alle». Doch das wollten die Juden in Palästina zur Zeit Jesu keineswegs sein. Sie waren stolz darauf, anders zu sein als die Römer und Griechen. Sie gehörten zum erwählten Volk Gottes und hatten sich darum auch an klare biblische Gesetze zu halten, die dieses Anderssein ausdrückten – etwa dadurch, dass man sich vor dem Essen die Hände zu waschen hatte.

Im Abschnitt aus Mk 7, der am Sonntag in der katholischen Kirche vorgelesen wird, werden einige Jünger Jesu von den Pharisäern und Schriftgelehrten kritisiert, weil sie mit «gemeinen» Händen ihr Brot essen. Jesus kontert mit einem Jesaja-Zitat: «Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.» Dies ist ein Grundproblem von Religion überhaupt: Religion nimmt Strukturen an, um sich auszudrücken.

Doch damit wächst die Gefahr, dass man die Strukturen mit ihrem Kern verwechselt und das Herz vergisst. Was mit authentischer, begeisternder Gotteserfahrung begann, kann so starr werden, dass der lebendige Gott keine Chance mehr hat, erfahren zu werden. Darum räumt Jesus mit den vielen Reinheitsgesetzen auf und erklärt: «Nicht, was in den Menschen hineinkommt – also die Speisen –, sondern was aus ihm herauskommt – böse Gedanken und Taten – macht ihn <gemein> (so wörtlich).»

Nicht gemein zu sein, ist nun aber nicht nur für Juden aller Zeiten ein zentrales Thema, sondern auch für Christen im 21. Jahrhundert. Sie tragen nämlich die gut klingende, aber unbequeme Zusage Jesu mit sich herum, dass sie Licht der Welt und Salz der Erde sind – sprich: ungemein wichtig. Ein Rückzug aus der ach so erstarrten Religion ins Private erscheint darum als allzu billige Lösung. Denn die Frage stellt sich ja nicht individualistisch, «Wie kann ich Gott brauchen und in mein Leben einbauen?», sondern wie schon in den Tagen von Moses und dem Dornbusch «Wie braucht Gott mich – und wie durchkreuzt er mein Leben?»

Wer diese Frage leidenschaftlich und ehrlich stellt, muss keine Angst haben, in religiösen Äusserlichkeiten zu verkrusten. Seine Art von Anderssein kommt aus der Mitte der Existenz, aus dem Herzen.

Und dann provoziert, fasziniert und befruchtet sie die Gesellschaft – so, wie es einst schon bei Jesus und den Jüngern der Fall war.