Montlingen
Wie der Zugang zu einer Raumstation: Der Tunnel unter der Autobahn als Weg ins Rheinvorland

Ein Wellstahltunnel unter der Autobahn dient Fussgängern als Durchgang ins Rheinvorland. Ursprünglich hatte er aber einen ganz anderen Zweck.

Max Tinner
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Gelegentlich geht hier ein Fussgänger durch. Claudio Senn (rechts) kennt die Geschichte hinter dem Wellstahltunnel unter der Autobahn.

Gelegentlich geht hier ein Fussgänger durch. Claudio Senn (rechts) kennt die Geschichte hinter dem Wellstahltunnel unter der Autobahn.

Bild: Max Tinner

Spaziert man von der «Alten Sportplatzstrasse» über die Zapfenbachbrücke und dann geradeaus den Fussweg weiter, mündet dieser nach keinen hundert Metern in ein grosses, schwarzes Loch. Der Weg führt schnurstracks hinein. Alle paar Schritte gehen dann allerdings, aktiviert von Bewegungsmeldern, Lichter an. Man befindet sich in einem spacigen Wellstahltunnel, wie ihn Raumfahrer der Raumpatrouille Orion jeweils durchschritten, wenn sie eine der Raumstationen in den Weiten des besiedelten Weltalls betraten.

Die deutsche Science-Fiction-Serie aus den 1960er-Jahren mit Hauptdarsteller Dietmar Schönherr wurde noch in Schwarz-Weiss gedreht. So wie in einem Schwarz-Weiss-Film kommt man sich auch in diesem Tunnel bei Montlingen vor. Weil er weit, weit vorne gekrümmt ist und man deshalb sein Ende nicht sieht, wirkt er endlos lang. Farbe bekommt das Leben erst wieder, wenn man der Krümmung folgt und man wenige Schritte weiter dann doch ans Ende des Tunnels gelangt und ins Licht tritt – ennet der Autobahn, am äusseren Rheindamm, auf den der Weg nun führt.

Blick vom Montlinger Bergli in den Steinbruch hinab. Links erkennt man das Dienstbahn-Trassee zum Rhein. Das Foto entstand vermutlich im Jahr 1913.

Blick vom Montlinger Bergli in den Steinbruch hinab. Links erkennt man das Dienstbahn-Trassee zum Rhein. Das Foto entstand vermutlich im Jahr 1913.

Bild: Staatsarchiv / Signatur: A 481/03.01-04

Fürs Rhibähnli gebaut, kurz bevor der Steinbruch aufgehoben wurde

108 Meter lang ist der Tunnel. Hätte man nur eine Fusswegverbindung vom unteren Ende des Dorfes ins Rheinvorland bauen wollen, hätte man ihn wohl im 90-Grad-­Winkel zur Autobahn gebaut. Dann wäre er nur etwa 40 Meter lang. Tatsächlich hatte der Tunnel einst einen ganz anderen Zweck. Man kommt vielleicht drauf, wenn man ihn zurückgeht und schaut, wohin man gelangte, würde man den Fussweg direttissima verlängern – zum Kolbenstein, wo früher ein Steinbruch war, in dem Steine für die Verbauungen am Rhein abgebaut wurden.

Als Projektleiter und stellvertretender Leiter des Rheinunternehmens und Leiter des Museums Montlingen weiss Claudio Senn viel darüber. Manches kann man auch im Buch «Der Alpenrhein und seine Regulierung» nachlesen, das zum 100-Jahr-Jubiläum 1892–1992 der internationalen Rheinregulierung erschienen ist. Etwa, dass die Steine, genauso wie das Material aus anderen Steinbrüchen, mit einer Dienstbahn transportiert wurden, mit dem Rhibähnli. Aus dem Steinbruch Kolbenstein ab dem Jahr 1901.

Als 1956 mit dem Bau der Autostrasse begonnen wurde (die man Jahrzehnte später zur Autobahn ausbaute) war der Steinbruch noch in Betrieb, und auch am Transport mit der Dienstbahn hielt man fest. Also wurde fürs Rhibähnli ein Tunnel unter der Autostrasse hindurch geplant. Noch während des Baus der Au­tostrasse, 1959, wurde der Steinbruch dann aber stillgelegt. Den Tunnel für die Dienstbahn baute man trotzdem.

Wie der Dorfarzt den Steinbruch schloss

Wie es zur Schliessung des Steinbruchs kam, hat der (vor zwei Jahren verstorbene) Dorfarzt Josef «Schprütza- Sepp» Savary einmal während eines Apéros Claudio Senn verraten. Man könnte es als anekdotische Beichte auffassen: Ein Verwandter (Savarys) habe unweit des Steinbruchs gewohnt und sich über die vielen Sprengungen genervt, erzählt Senn nach. Ohne das Gespräch mit den Verantwortlichen des Steinbruchs zu suchen, habe er (Savary) sich bei der Regierung über den lärmigen Abbaubetrieb und die Erschütterungen während der Sprengungen beschwert.

Der Kanton habe dann, ohne die Steinbruchbetreiber darüber zu informieren, über Risse an den Häusern in der Gegend Siegel kleben lassen. Als im Steinbruch bald darauf wieder gesprengt wurde, habe es diese Siegel prompt zerrissen. Der Steinbruch sei praktisch von einem Tag auf den anderen geschlossen worden, weiss Senn.

Man hatte allerdings bereits die paar Jahre zuvor nach Ersatz gesucht, wohl weil abzusehen gewesen war, dass es so weit kommen dürfte. Jedenfalls stellt der Beitrag zur Geschichte der Rheinverbauungssteinbrüche im Jubiläumsbuch der Rheinregulierung den Steinbruch Oberbüchel (beim Grenzübergang Büchel-Bangs) als Nachfolgebetrieb dar. Und die Infrastruktur für den neuen Steinbruch dort wurde schon ab 1956 eingerichtet.

Das mit Split beladene Rhibähnli (1952) auf der Rampe zum Rheindamm hinauf, etwa dort wo, sich heute der Durchgang unter der Autobahn befindet.

Das mit Split beladene Rhibähnli (1952) auf der Rampe zum Rheindamm hinauf, etwa dort wo, sich heute der Durchgang unter der Autobahn befindet.

Bild: Staatsarchiv / Signatur: A 481/03.01-18

Nach der Schliessung des Steinbruchs wurde das Areal Kolbenstein noch als Werkplatz weitergenutzt. Möglicherweise liess man sich auch noch eine Weile die Option offen, den Steinabbau wieder aufzunehmen, vermutet Anton Heer. Der Elektroingenieur ist ein ausgewiesener Kenner der Ostschweizer Eisenbahngeschichte, der auch zur Dienstbahn der Rheinregulierung publiziert und für die Ausstellung Rhein-Schauen zum Jubiläum der Rheinregulierung den Teil zur Geschichte der Dienstbahn gestaltet hat.

Eine Rumpfinfrastruktur für die Dienstbahn zum Kolbenstein hinaus wurde jedenfalls noch längere Zeit in Betrieb gehalten. Erst mit dem Rückbau der Dienstbahnanlagen zwischen Haag und Kriessern in den Jahren 1978 und 1979 dürfte man auch die Zufahrt zum Steinbruch Kolbenstein rückgebaut haben.

Möglicherweise gibt es den Tunnel nicht mehr lange

Danach wurde der Tunnel zur Fussgängerunterführung. Bund und Gemeinde haben sich dabei zu einer bemerkenswerten Eigentums- und Aufgabenteilung gefunden: Das Grundstück gehört zwar dem Bund, erklärt Jérôme Jacky vom Bundesamt für Strassen (Astra). Weil die Unterführung aber in erster Linie durch die Gemeinde genutzt werde, habe man das Eigentum aufgeteilt – das Bauwerk an sich (das Wellstahlrohr) blieb im Eigentum des Bundes, der Gehweg, die Entwässerung und die Beleuchtung hingegen gingen ins Eigentum der Gemeinde über. Entsprechend habe man auch den Unterhalt und die Finanzierung desselben geregelt.

Rege genutzt werde dieser Durchgang ins Rheinvorland allerdings nicht gerade, meint Claudio Senn. Selbst viele Montlinger wüssten wohl nicht einmal von ihm, und andere fürchteten sich vielleicht, hier durchzugehen.

Es kann auch sein, dass es ihn in ein paar Jahren gar nicht mehr geben wird. Aussen am Rheindamm soll nämlich – wie schon andernorts – eine mit schweren Baumaschinen befahrbare Inter­ventionspiste gebaut werden. Die Pisten ermöglichen es, bei einem extremen Hochwasserereignis den Damm schnell zu verstärken, falls er zu brechen droht. Der dammseitige Zugang zum Tunnel wäre dann aber, so wie er heute ist, im Weg, erklärt Senn. Man prüfe deswegen zurzeit, ob man den Tunnel aufheben könnte. Eine Möglichkeit wäre, Sand hineinzublasen und ihn so zu verfüllen. Auf diese Weise erübrigte sich jeder weitere Unterhalt an der Wellstahlröhre.

Hinweis

Video auf www.rheintaler.ch

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