WIDNAU/REBSTEIN: Die Familie kommt zuerst

Als Kind hat er mit Rossbollen und Kuhfläden Geld gemacht, mit achtzig ist Roland Frei aus dem Plaston-Verwaltungsrat ausgeschieden. Sein erster Grosserfolg, der bis heute wirkt, hatte einige Bärte zur Folge.

Gert Bruderer
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Das Andenken des Vaters hält Roland Frei mit einer bronzenen Büste in Ehren. (Bild: Gert Bruderer)

Das Andenken des Vaters hält Roland Frei mit einer bronzenen Büste in Ehren. (Bild: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Im Betrieb fiel schon der Satz: «Solang’s dä Roland git, goht’s üs guet.» Die Freude darüber bringt Roland Frei in seinem Büro beiläufig zum Ausdruck. Er kam hier zur Welt, in diesem Zim­mer, das mit schönen Landschaftsbildern hinter Glas geschmückt ist.

Roland Frei, ein leidenschaftlicher Freizeitfotograf, deutet auf das Bild mit einem Baum inmitten weiter Landschaft und veredelt es mit einem Lächeln und den Worten «Das bin ich». Wie Frank Sinatra steht das frühere Mitglied des Männerchors neben dem Bild, so hochentspannt, als würde es jeden Moment den berühmten Song «My Way» anstimmen. Passen würde dieses Lied auch darum, weil Roland Frei beim Männerchor vor einigen Jahrzehnten einen neuen Weg beschritt. Von ihm war das völlig neue, erstmals englische Konzertprogramm «Go West» angeregt worden. Auch die folgenden drei Konzerte hatten besondere Themen und brachten dem Verein einen Gewinn von je 10000 Franken.

Sein eigener Weg hat den in Rebstein lebenden Widnauer Ende der Sechzigerjahre in eine Hilti-Lagerhalle geführt, wo ihm die roten Blechkoffer der Firma ins Auge stachen. Klick muss es gemacht haben, wie bei Verliebten – wie also in jenem Moment, als Freis heutige Frau erstmals sein Büro betrat. Im Rückblick bemerkt er mit liebenswürdiger Einsilbigkeit: «Das war’s.»

Es war um ihn geschehen.

Nach dem ersten Aufenthalt bei Hilti wusste er genauso, dass dies der Beginn einer engen Beziehung war. Zum Vater sagte er: «Den Auftrag für die Koffer werden wir bekommen.»

40 Millionen Hilti-Koffer sind es schon

Der langjährige Plaston-Patron, der auf Fremde zackig wirken mag, vielleicht ein Spürchen militärisch, entwickelt leicht spitzbübischen Charme, sobald er zu erzählen anfängt und dabei sein Leben auf den Punkt bringt. Die Hilti-Koffer sind Teil dieses Punktes. Der gelernte Werkzeugmacher tüftelte zwei Jahre, um die Hilti-Chefs von seinem Plastikkoffer-Prototyp zu überzeugen, dem Plaston-Glücksbringer.

In seinem 2006 erschienenen Buch über die Plaston-Firmengeschichte wird es deshalb haarig. Auf Seite 33 ist unter den Porträts von Chef und Führungskräften zu lesen: «Das Plaston-Kader lässt die Bärte wachsen, bis das Hilti-Grossprojekt erfolgreich abgeschlossen ist.» Tatsächlich ist es das bis heute nicht, im Gegenteil. Die fünfte Koffergeneration ist derzeit am Ent­stehen, die Zahl der hergestellten Hilti-Koffer bei rund 40 Millionen angelangt.

Schon als Schüler hatte Roland Frei ein klares Ziel vor Augen. Mit dem Kauf einer Fräsmaschine würde er sein Berufsleben als Unternehmer beginnen. Er, der jüngste von drei Brüdern, war erst 19, als der Vater, gesundheitlich gezwungen, die Viscose verlassen hatte und mit seinem Sohn ein Unternehmen gründen wollte.

Von der Idee, mit Pensionsgeld eine 60-Tonnen-Spritzgussmaschine zu kaufen und in einer Garage zu beginnen, war Hans Frei so angetan, dass er «nicht mehr zu halten war».

Dies wiederum begeisterte den Sohn. Der schwärmt noch heute: «Eine unglaubliche Faszination und neue Energie entstand.» Auch wie korrekt und geradlinig der Vater gewesen sei, habe ihn stolz gemacht.

Die anfängliche Firmenstrategie hat sich bis heute bewährt. Anstatt nur Kunststoffteile zuzuliefern, hat Plaston immer auch Artikel für den Haushalt hergestellt. Das unternehmerische Risiko war dadurch kleiner, die Abhängigkeit ebenso.

Zum 65. Geburtstag gönnte er sich einen Z8

Der frühere Kunstturner Roland Frei, ein Ästhet, der das Andenken des Vaters mit einer bron­zenen Büste im Büro in Ehren hält, liebt schöne Formen. 15 Jahre lang hat er selbst alle Plas­- ton-Produkte gezeichnet, sein Luftbefeuchter wurde 35 Jahre lang verkauft. Der Unternehmer wohnt in einem runden Haus und hat den früher oft gehörten Rat «Jetzt gönn dir doch mal was» befolgt: Zum 65. Geburtstag am 6. Juli 2002 kaufte er sich einen silbernen Z8, einen BMW, der mit der einstigen Notwendigkeit kontrastiert, ohne Auto auszukommen und jeden erwirtschafteten Franken in neue Produkte zu stecken.

Beweglich zu bleiben, war ihm stets wichtig

An eine Grenze stiess der Unternehmer 35-jährig, als der Arzt ihn warnte. Roland Frei beherzigte den Rat, sich zwischendurch zu schonen, nahm sich fortan jeden Samstag frei und gönnt sich, seit er fünfzig ist, zehn Wochen Ferien im Jahr. Er habe stets gesagt, wer sich nicht selbst entbehrlich machen könne, mache etwas falsch.

Ehemalige Plaston-Mitarbeiter versichern, Vorrang habe für Roland Frei stets die Familie gehabt, er selbst streckt bei dem Thema unvermittelt einen Zeigefinger in die Luft und sagt, als würde Widerspruch in dieser Sache nicht geduldet: «Einem Mitarbeiter würde ich als Chef verbieten, in den Ferien die E-Mails durchzusehen.»

Mit 65 versprach er seiner Frau, der «Seele des Unternehmens», jedes Jahr vier, fünf Wochen mit ihr unterwegs zu sein, auf ausgedehnten Reisen – und so war es seither auch. Gemeinsam pflegen sie Freundschaften, kochen sie – und den Wein zu den Speisen haben sie aus dem ei­genen Garten in Rebstein: ei­- nen Chardonnay. Überglücklich macht den 80-Jährigen, dass er nach einer Hüftoperation seine Mobilität zurückgewann, wandern und Ski fahren und somit beweglich bleiben kann, was ihm schon immer sehr wichtig war.

Früh gelernt, wie man Geld verdient

Roland Frei, der mit vier Schwestern und zwei Brüdern aufwuchs, erinnert sich an den Familiengarten als den grössten Widnaus, nennt ihn so aber im übertragenen Sinn: Es waren die Vierziger-, Fünfzigerjahre, man war mit dem zufrieden, was man hatte, und so steckt im Satz des späteren Unternehmers die Bescheidenheit der ganzen Generation.

Den Kilbibatzen, überhaupt ihr Sackgeld, mussten sich die Kinder selbst verdienen. Roland Frei war deshalb Kräutertrockner und -verkäufer, spitzelte Bohnen, fischte und sammelte Rossbollen und Kuhfladen. Pro vollem Anhänger gab’s fünfzig Rappen. War er nicht ganz voll, half Roland Frei ein Bauer, der den Wagen füllte; leer ausgehen sollte der Bub schliesslich nicht.

86 ist der älteste Bruder inzwischen, 76 die jüngste Schwester, alle leben noch, was für ein Glück, man sieht sich alle zwei, drei Monate. Die Tochter hat er früh verloren, Sohn Jörg steht heute bei der Plaston-Holding an der Spitze des Verwaltungsrats.

Zu der Bescheidenheit ge­-sellt sich eine ungeheure Dankbarkeit – unglaublich faszinierend sei sein Leben, schwärmt der Unternehmer, dessen gros­- se Leidenschaft das Hochsee­segeln ist. Mit 25 kaufte er sich eine kleine Jolle für den Bo­densee, inzwischen hat er über fünfzig Hochseesegelturns erlebt.

In der Wirtschaftswelt ein hohes Gut verankern

Als langjähriges Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes und Präsident der Jungunternehmer-Förderung im Rheintal hat Roland Frei einen Satz des einstigen AGV-Präsidenten im Ohr, das Zitat eines berühmten Mannes, sinngemäss lautet es so: Man soll nicht die Jahre zählen, sondern die Höhepunkte. Ein anderes, immer beherzigtes Motto ist kurz und knackig: «Wenn’d öppis machsch, mach’s recht – oder liaber nöd». Im Militär begnügte sich Waffenmechaniker Roland Frei mit dem Rang eines Wachtmeisters.

Anders als der Rückblick in die gute alte Zeit fällt Roland Frei der Blick nach vorn nicht immer leicht. «Heute zählt nur noch der Preisdruck», energisch saust seine rechte Faust dreimal von weit oben durch die Luft, er frage sich, wohin das führe, sagt er, ungesund sei die Entwicklung, «freude- und atmosphärevernichtend».

Hätte Roland Frei auf das Geschehen ausserhalb von Plaston einen Einfluss, würde er den Alltag nicht allein mit Kunststoff­koffern und Elektrogeräten bereichern, sondern in der ganzen Wirtschaftswelt das hohe Gut verankern, das ihm stets besonders wichtig war: die Menschlichkeit.