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WIDNAU: Mit 104 noch im Reisefieber

Aufgewachsen in Altstätten, lebte Agnes Parodi in London, Dakar und Cannes. Auch mit 104 Jahren reist sie noch quer durch Europa, um ihre Freundschaften zu pflegen.
Anina Gächter
Den blauen Seidenschal bekam Agnes Parodi zu ihrem 100. Geburtstag vom Stadtpräsidenten von Cannes geschenkt. (Bild: Anina Gächter)

Den blauen Seidenschal bekam Agnes Parodi zu ihrem 100. Geburtstag vom Stadtpräsidenten von Cannes geschenkt. (Bild: Anina Gächter)

Anina Gächter

Als Agnes Parodi Platz nimmt, um für das Foto zu posieren, wirkt sie wie ein Filmstar aus den Fünfzigern. Sie richtet ihre Halsketten, kontrolliert, ob die glitzernden Ohrenringe sitzen und faltet ihre ringbesetzten Hände. Dann richtet sie sich auf und lächelt in die Kamera. In ihrem Schoss liegt ein hellblauer Seidenschal. «Ich erhielt ihn vor vier Jahren zu ­meinem 100. Geburtstag. Er ist ein Geschenk des Stadtpräsidenten von Cannes», erklärt sie.

Aus dem Städtli in die Welt

Aufgewachsen ist Agnes Parodi, gebürtige Coray, in Altstätten, wo sie die Klosterschule Maria Hilf besuchte. «Ich war keine sehr gute Schülerin. Besonders im Französischunterricht tat ich mich schwer. Eine der Klosterfrauen sagte mal zu mir, dass ich nie im Leben Französisch lernen werde.» Beim Gedanken daran muss die 104-Jährige lachen. Heute spricht sie fünf Sprachen.

Nachdem sie die Haushaltschule abgeschlossen hatte, arbeitete sie eineinhalb Jahre im Hotel eines Onkels in Lugano. Während dieser Zeit hat sie alles über die Arbeit als Serviceangestellte, Köchin und Putzfrau gelernt. Danach wechselte sie in ein Hotel an der Zürcher Goldküste, wo man ihr die Adresse eines Barons gab, der auf der Suche nach einer Haushaltshilfe war.

Mit nur 24 Englischlektionen als Vorbereitung reiste die damals 23-Jährige kurzerhand nach London. Der Job sei gut bezahlt gewesen. Ein Pfund erhielt sie pro Woche, was damals etwa 21 Franken entsprach. Mit ihrer einfachen Rheintaler Art und ihrer Tüchtigkeit kam Agnes Parodi gut bei der Adelsfamilie an. Nach kurzer Zeit wurde sie zur Ladysmaid befördert und durfte Lord und Lady Waren auf ihren Reisen durch ganz Europa begleiten.

Nach Dakar der Liebe wegen

1938 reiste Agnes Parodi mit der Familie Waren nach Cannes. Ihre freien Abende verbrachte sie in einem Club in der Altstadt. «Ich war immer die erste auf dem ­Parkett», erzählt die leidenschaftliche Tänzerin. Dort lernte sie einen jungen Fussballer aus Dakar kennen. Der gut aussehende Mann fand bald Gefallen an der Schweizerin und so wirbelte er sie Abend für Abend über die Tanzfläche. Als der Zeitpunkt kam, sich zu verabschieden, fragte der Senegalese sie nach ihrer Adresse. Kaum war Agnes Parodi nach London zurückgekehrt, traf schon der erste Brief aus Dakar ein. Während eines Jahres schrieben sich die beiden regelmässig. Dann nahm die Altstätterin ihren ganzen Mut zusammen, kündigte den Job in London und reiste für einen dreimonatigen Urlaub nach Dakar.

Sie verbrachte eine wunderbare Zeit in der senegalesischen Hauptstadt und lernte Justin Parodis Familie kennen. Zwölf Wochen später machte sich Agnes Parodi auf den Weg zurück in die Schweiz. Doch bereits als sie in Casa Blanca umsteigen musste, erreichte sie ein Brief aus Dakar. Justins Eltern hatten ihm ihr Einverständnis gegeben, die Schweizerin zu heiraten. «Etwas überrascht war ich schon, schliesslich war ich bereits auf dem Nachhauseweg», erzählt Agnes Parodi. Trotzdem reiste sie zurück nach Dakar und die beiden heirateten. 22 Jahre wohnte das Ehepaar in Dakar. Justin arbeitete als Buchhalter und Agnes half in einem Schmuckladen aus und führte nebenbei den Haushalt. Da die beiden keine Kinder haben konnten, verbrachten sie einen Grossteil ihrer Freizeit mit Tanzen und Reisen. 1942 fuhren sie in die ­Ferien nach Cannes, wo sie sich kennengelernt hatten. Da der Krieg in Europa wütete, verbot man ihnen, nach Afrika zurück zu reisen. Während drei Jahren mussten Agnes und Justin Parodi in Cannes ausharren. Um etwas Geld zu verdienen, arbeitete die Altstätterin als Dolmetscherin auf Schiffen. So bereiste sie viele Länder und lernte wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Kultur kennen. Nach Kriegsende kehrten Agnes und Justin Parodi nach Dakar zurück. Weil die Stadt an der Côte d’Azur es dem Ehepaar Parodi angetan hatte, beschloss es, nach der Befreiung ­Senegals 1959 nach Cannes zu ziehen, wo das Paar seinen Lebensabend verbrachte.

Auch mit 104 noch ein Star

1988, nach einem Bridgespiel mit Freunden, spazierte sie gemeinsam mit ihrem Mann Justin nach Hause, als dieser vor ihren Augen von einem Auto erfasst wurde. Im Spital erlag er seinen Verletzungen. «Wenige Tage später erreichte mich ein Anruf. Das Reisebüro meldete sich wegen der gebuchten Weltreise. Mein Mann wollte mich anscheinend damit zu unserem 50. Hochzeitstag überraschen», erzählt sie. Seit dem Tod ihres Mannes lebt die 104-Jährige allein. Einsam ist sie aber nie. Oft trifft sie sich mit Freunden, liest Zeitschriften über Politik, Kultur und Mode oder besucht den Markt. Immer wieder lädt sie Gäste zu sich nach Hause ein und kocht für bis zu 20 Personen. Für die ehemalige Ladysmaid ist das kein Problem.

Auch ihren 100. Geburtstag feierte Agnes Parodi mit zahlreichen Gästen in Cannes, darunter der Schweizer Generalkonsul aus Marseille und der Stadtpräsident von Cannes. Als Letzterer ihr den Seidenschal überreichte, bezeichnete er sie als «den wahren Star von Cannes». Auf diese Bezeichnung ist die ehemalige Alt­stätterin besonders stolz. «Ich bin auch eine Art Star. Auf den Kreuzfahrten wollen immer alle mit mir plaudern, da sie noch nie eine über Hundertjährige getroffen haben und schon gar keine, die noch so fit ist wie ich», sagt sie. Wenn die 104-Jährige ihre Ferien nicht bei Verwandten oder Freunden verbringt – gerade ist sie bei ihrer Grossnichte in Widnau zu Besuch – fährt sie auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt. In den letzten Jahren besuchte sie Hongkong, Südafrika, Russland und Rio. Zuletzt fuhr sie ans Schwarze Meer.

Auch mit über 104 Jahren ist ihre Reiselust noch nicht verflogen.

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