Widnau
Ein Pilotprojekt im Tal: Kinder und Jugendliche können die Dorfentwicklung mitgestalten

Die Gemeinde Widnau bittet Kinder und Jugendliche, aktiv bei der Ortsplanung mitzuwirken. Die Jugendlichen werden unterschiedliche Wege, Orte und Plätze nach verschiedenen Kriterien wie Mobilität oder Bespielbarkeit bewerten.

Benjamin Schmid
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Im Zuge der Ortsplanrevision bringen unter anderem Schülerinnen und Schüler der 1Ra Ideen ein, wie Widnau sich dereinst entwickeln soll.

Im Zuge der Ortsplanrevision bringen unter anderem Schülerinnen und Schüler der 1Ra Ideen ein, wie Widnau sich dereinst entwickeln soll.

Bild: Benjamin Schmid

In den nächsten Wochen sind Jugendliche mit Tablets ausgerüstet im Dorf unterwegs. In Kleingruppen werden sie unterschiedliche Wege, Orte und Plätze begehen und diese nach Kriterien wie Mobilität, Bespielbarkeit, Bewegung, Sauberkeit, Sicherheit und Treffpunkte bewerten. Die Frage, die sie sich stellen, ist: Wie könnte Widnau in 25 Jahren aussehen?

Eigene Ideen entwickeln und umsetzen

«Unsere Aufgabe ist es, Orte zu finden, die kinderfreundlich sind oder entsprechend umgestaltet werden könnten», sagt die zwölfjährige Adonawit Abate, während sie und die 13-jährige Mia Schawalder mich von der Oberstufe Gässeli dem Binnenkanal entlang Richtung Rauch Fruchtsäfte führen. Der Kanal sei zwar schön, aber sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Tote Fläche, wie es ihre Klassenkameraden später verdeutlichen werden. «Entlang des Wassers fehlen Sitz- und Liegemöglichkeiten», sagt Mia Schawalder, «ausserdem wäre ein Bootsverleih geil.»

Weiter unten, beim «Pauls», bleiben die Mädchen stehen und zeigen zur Wiese zwischen Hotel und Firma. «Hier wäre ein idealer Platz für einen zweiten Jugendtreff mit bequemen Sitzmöglichkeiten, die uns vor Wind und Wetter schützen würden», sagt Adonawit Abate. Mia Schawalder ergänzt: «Ausserdem hätte es Platz für eine Feuerstelle und verschiedene Spielmöglichkeiten.»

Die beiden Widnauerinnen finden es cool, bei der Ortsplanung mitwirken zu dürfen. Eigene Ideen zu entwickeln und sie möglicherweise selbst umzusetzen, sei ebenso wichtig wie das Gefühl, ernst genommen zu werden. Obwohl das bestehende Ortsbild beiden Oberstufenschülerinnen Möglichkeiten bietet, sich frei zu entfalten, sehen sie Verbesserungspotenzial. «Es braucht nicht nur mehr Plätze in Gehdistanz, die über Schleichwege miteinander verbunden sind, sondern auch mehr Grünflächen für Mensch und Tier.»

Es ist eine Frage des Blickwinkels

Die Dorfentwicklung mitzugestalten sei eine tolle Sache, sind sich der 14-jährige Magnus Sonderegger, der 14-jährige Noa Kehl und der 13-jährige Raphael Frei gleichfalls einig. Ebenso darüber, dass es mehr Raum für Kinder und Jugendliche braucht, den sie nach ihren Ideen und Vorstellungen gestalten dürfen.

«Wir nehmen Widnau anders wahr, als es Erwachsene tun», sagt Raphael Frei.

«Unsere Bedürfnisse und Interessen können nicht Planungsbüros und Politiker bestimmen, sondern nur wir selbst.»

Aus ihrem Blickwinkel gibt es zu wenig 30er-Zonen, dafür zu viele gefährliche Strassen. Laut den Buben bietet das Sportzentrum Aegeten wohl einiges, allerdings sei es zu weit von ihren anderen Lebensräumen entfernt.

«Es ist nicht nur eine Frage des Blickwinkels, sondern, wie wir gelernt haben, eine Frage von Recht und Unrecht», sagt Noa Kehl. Gemäss Unicef stehen in kinderfreundlichen Lebensräumen die Kinder als kompetent handelnde Akteure am Anfang und im Zentrum jeder Überlegung.

Eine Brücke zwischen den Generationen schlagen

Hinter dem Beteiligungsprojekt mit dem Namen «JuRa 21» (Jugend und Raum) steckt die Jugendkommission Widnau.

Seit Ende 2019 befassen sich der Gemeinderat und die Baukommission mit der Ortsplanrevision und laden interessierte Personen, Gruppierungen und Parteien ein, sich aktiv am Prozess zu beteiligen. So auch Kinder und Jugendliche. «Damit sich aber das jüngste Fünftel der Widnauer Bevölkerung beteiligen kann, braucht es geeignete Massnahmen», sagt Steven Marx vom Jugendnetzwerk der Sozialen Dienste Mittelrheintal. Mit «JuRa21» werde versucht, eine Brücke zwischen den jungen Menschen und dem Gemeinderat zu schlagen und gleichzeitig mindestens zehn Prozent der unter 20-Jährigen zu motivieren, am Prozess der Ortsplanung mitzuwirken.

Auf der einen Seite komme der Einbezug verschiedener Perspektiven der ganzen Gemeinde zugute, andererseits können positive Erfahrungen der Partizipation junger Menschen bei allen Akteuren entstehen, wodurch Kinder und Jugendliche zukünftig in der kommunalen Planung und Entwicklung selbstverständlich und in geeigneter Weise beteiligt werden.