WIDNAU: Ein kultureller Eisbrecher

Mehr als eine Generation lang dirigierte Tom Pegram den Orchesterverein. «Heute ist kein Orchester oder Musikverein mehr ohne Vorarlberger Musiker denkbar», sagt er. 1986 war er am Wandel beteiligt.

Monika von der Linden
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Tom Pegram gibt den Taktstock im Orchesterverein Widnau weiter. Er widmet sich mehr dem Komponieren. (Bild: Monika von der Linden)

Tom Pegram gibt den Taktstock im Orchesterverein Widnau weiter. Er widmet sich mehr dem Komponieren. (Bild: Monika von der Linden)

Monika von der Linden

Mit zwei Koffern kam Tom Pegram im Frühjahr 1978 an den Rhein. Seine Hohenemser Frau hatte er in South Carolina kennen gelernt. Er folgte ihr, als es sie zurück in die Heimat zog. Seit fast dreissig Jahren dirigiert Tom Pegram den Orchesterverein Widnau und unterrichtet Musik an der Oberstufe in Rheineck und in Widnau. In wenigen Wochen wird er pensioniert. Der Orchesterverein gibt für ihn zwei Abschiedskonzerte.

Tom Pegram, Musik studierten Sie in Amerika, Ihr Berufsleben verbrachten Sie am Rhein. Wie kamen Sie vor 39 Jahren mit der deutschen Sprache zurecht?

Tom Pegram: Weil meine Frau aus Hohenems stammt, konnte ich damals bereits deutsch sprechen. Zudem hatte ich es an der Uni gelernt. Anfangs war es aber schwer für mich, den Dialekt zu verstehen. Dank meiner Schüler in der Musikschule lernte ich ihn sehr schnell.

Seit fast dreissig Jahren dirigieren Sie den Orchesterverein Widnau. War es damals schon üblich, Dirigenten aus Vorarlberg zu holen?

Zwei Jahre zuvor (1986) begründete ich die Camerata Rheintal mit. Das Kammerorchester war das erste, das Musiker aus Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz vereinte. Es war ein kultureller Eisbrecher. Bald leiteten immer mehr Vorarlberger Musiker Schweizer Orchester und Musikvereine. Heute ist keiner mehr ohne Voralberger denkbar.

Welche ist die schönste Erinnerung an die Camerata?

Sie war jedem ein Begriff. Besonders gern erinnere ich mich an die Konzertreise nach Amerika. Ich habe das Orchester zu mir nach Hause gebracht.

Warum löste sich das Orchester 1996 auf?

Es war eine sehr schöne Arbeit mit hervorragenden Musikern. Sogar Profis brachten sich ehrenamtlich ein. Nach zehn Jahren war es nicht mehr möglich, ein rein auf Freiwilligenarbeit basiertes Orchester zu führen. Es gab immer mehr Orchester, die Profis bezahlten. Das kann man einem Profimusiker nicht verübeln.

29 Jahre lang Orchesterverein Widnau: Was hat sich im Verein verändert?

Als ich anfing, gab es nur wenige Streicher. Meine Aufgabe war es, die Gruppe auszubauen. Damals war es noch etwas Besonderes, in einem Verein mitzuwirken. Heute ist das anders. Die Leute haben viel mehr Freizeitmöglichkeiten und wir sind froh, wenn wir vor allem Kinder und Jugendliche für uns gewinnen können.

Was unternehmen Sie gegen den Nachwuchsmangel?

Wir wollen intensiv und gut mit den regionalen Musikschulen zusammenarbeiten, in der Hoffnung, Nachwuchstalente anzuwerben.

Hat sich die Entwicklung auf das Niveau ausgewirkt?

Nein, wir haben immer ein für ein Laienorchester recht hohes musikalisches Niveau halten und gelegentlich Holz- und Blechbläser aus eigenen Reihen bzw. aus Musikvereinen besetzen können. In erster Linie sind wir aber ein Streichorchester.

120 Konzerte in drei Jahrzehnten – das heisst ebenso viele Programme.

Das war oft eine Gratwanderung. Ich war ständig auf der Suche nach neuen Werken. Es waren sicher 450. Das Orchester musste sie gerne spielen und beim Publikum sollten sie auch gut ankommen. Immer trat auch ein Solist auf. Dafür fand ich sechzig Musiker, die jedes denkbare Solo-Instrument spielten.

Gab es zwischen den Laien im Orchester und den Profisolisten Spannungen wegen der Anforderungen?

Nein, die Profis waren den Vereinsmitgliedern Ansporn. Die Sopranistin Birgit Plankel sagte mir einmal, sie spüre bei uns bisweilen mehr Freude und Begeisterungsfähigkeit als unter manchen Berufsmusikern.

Welche Schattenseiten erlebten Sie als Dirigent?

Der regelmässige Probenbesuch ist nicht mehr selbstverständlich. Seit etwa fünfzehn Jahren weise ich an der Hauptversammlung regelmässig darauf hin. Vorher war das nicht nötig. Für mich steht immer die Musik im Vordergrund. Das Orchester und ich, wir stehen im Dienst der Musik. Mir ist die Arbeit nie verleidet, ich bin dankbar, dass ich meinen Beruf hier so lange ausüben konnte. Jetzt gebe ich den Taktstock mit Freude weiter.

Wie wirkt sich der nachlassende Probenbesuch auf die Qualität aus?

Ich stelle das Programm so zusammen, dass das Versäumen einiger Proben nicht gleich massive Folgen hat. Ausserdem beginnen wir mit den Proben immer früh genug. Das Konzert hat nie gelitten.

Zogen am Vereinshimmel auch einmal dunkle Wolken auf?

Im wörtlichen Sinn schon. Vor vielen Jahren gaben wir in Walzenhausen ein Konzert im Freien. Es zog ein Gewitter mit starkem Wind auf. Als die Trompeten zum Solo ansetzten, flogen die Notenblätter davon. Das war lustig zu beobachten. Danach gab es keine Freiluftkonzerte mehr.

Inwiefern hat sich das Publikum gewandelt?

Erfreulich ist, dass wir ein Stammpublikum haben. Ich wäre selbstverständlich froh, interessierten sich noch mehr Leute für die klassische Musik. Dass unsere Konzerte immer gut besucht sind, liegt sicher auch daran, dass wir seit etwa zehn Jahren am Frühjahrskonzert auch Unterhaltungsmusik spielen. Das kommt sehr gut an.

Ende Monat gibt der Orchesterverein für Sie zwei Abschiedskonzerte. Ziehen Sie sich danach als Dirigent ganz zurück?

Die Leitung des Katholischen Kirchenchors Au behalte ich. Ich werde mehr komponieren. Unlängst habe ich meine lateinische «Marienmesse» für Chor und Orchester fertig komponiert. Die Uraufführung ist zum Auer Kirchenfest im Herbst 2018 geplant.