WIDNAU: «Die Kirche ist nicht mehr im Dorf»

Das Windspiel beim Schulhaus Schlatt ist ein Geschenk der beiden Kirchen. Sie wollten es mit einer christlichen Botschaft verbinden. Nun respektieren sie den Wunsch nach Wertneutralität und verzichten darauf.

Monika von der Linden
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Nur Freude löst das Windspiel beim Schulhaus Schlatt nicht aus. (Bild: Monika von der Linden)

Nur Freude löst das Windspiel beim Schulhaus Schlatt nicht aus. (Bild: Monika von der Linden)

Monika von der Linden

Am Verbindungsweg zwischen den Schulhäusern Schlatt und Wyden steht ein neues Windspiel. Ein in Gelbtönen leuchtender Stern baumelt von einem 3,5 Meter hohen Chromstahlpfosten. Das Besondere: An ihm können saisonal wechselnd Werke von Schülerinnen und Schülern befestigt werden. Sie flattern dann im Wind.

Eine schöne Idee sei das, findet Christof Köppel. Als Präsident der katholischen Kirchgemeinde ist er direkter Nachbar der Schule. Die Kirchgemeinden erfüllen mit dem Erteilen von Religionsunterricht ebenfalls einen Bildungsauftrag und sind deshalb auch im Schulhaus vertreten. «Gemeinsam mit den Reformierten wollten wir unsere Wertschätzung gegenüber der Schule ausdrücken», sagt Christof Köppel. Das Geschenk hat einen monetären Wert von 20000 Franken. Das Geld verwendete die Schule, um das schon vorher geplante Windspiel zu realisieren. Weiter sanierte sie den benachbarten Brunnen.

Wer das Geld gestiftet hat, ist auf einer Tafel ersichtlich. «Da­rüber hinaus wollten wir eine christliche Botschaft transportieren», sagt der Kirchenpräsident. Die Idee war, auf der jeweiligen Stirnseite dreier Bänke einen Spruch einzugravieren. Einer lautet: «Wo Glaube ist, da ist auch Lachen» von Martin Luther. Schulpräsident Hugo Fehr habe das nicht gewollt, weil die Schule wertneutral sei, sagt Christof Köppel.

«Wir wollen nicht missionarisch sein»

Die beiden Kirchgemeinden verzichten nun auf die Zitate. Sie wollen kein Geschenk machen, das keine Freude bereitet und auch nicht missionarisch sein. «Wir stellen fest, dass die Kirche nicht mehr im Dorf ist», sagt Christof Köppel. «Was bedeutet wertneutral in dieser Ausprägung?» Man dürfe sich nicht wundern, dass Werte verloren gingen, wenn sie nicht mehr präsentiert werden dürfen. Selbst das Schulhaus sei nicht im geistigen Sinn, also durch Seelsorger eingesegnet worden. «Wir leben in einer christlichen Kultur. «Warum geben wir überhaupt einen Betrag?», fragt er rhetorisch.

Die Antwort der Reformierten gibt Kathi Witschi: «Wir bleiben beim Geschenk, sind künftig aber weniger naiv.» Sie habe der Idee zugestimmt, ein Viertel der Kosten zu tragen, weil sie hoffte, mit den Katholiken eine Botschaft zu transportieren. «Dürfen wir wirklich nicht mehr sagen, wer wir sind und wofür wir stehen?», fragt sie. Der Luther-Spruch «Wo Glaube ist, da ist auch Lachen» schliesse niemanden aus. Käthi Witschi glaubt, dass Ästhetik wichtiger genommen wird als der Inhalt. «Sie wollen unser Geld und sonst nichts», sagt sie. Künftig wird die Kirchgemeinde ihr Geld dort einsetzen, wo sie sicher ist, dass ihre Werte gestützt werden, zum Beispiel in einem Heks-Projekt oder Lager.

Gemeinsamen Vorschlag erarbeitet

Hugo Fehr ist Präsident einer Schule, in der Kinder aus mehr als dreissig Nationen unterrich­-tet werden. Spricht er von einer wertneutralen Schule, bezieht er es auf die Religion. Er sei nicht glücklich gewesen, als Christof Köppel und Käthi Witschi den Wunsch vorbrachten, christliche Zitate in drei Bänke eingravieren zu lassen, sagt.

Er sei diesbezüglich eher zurückhaltend und meine, die Schule solle explizit kirchliche Symbole nur dezent einsetzen. Es habe in Widnau zwar noch keinen nennenswerten Konflikt gegeben, er wolle aber auch keinen provozieren.

Deshalb hat die Schule auch darauf verzichtet, im neuen Schulhaus Kruzifixe aufzuhängen, hingegen werden bestehende in anderen Schulhäusern auch nicht abgenommen. Werte wie Sozialverhalten, Umgang und gegenseitige Wertschätzung gehörten selbstverständlich in die Schule, sagt er.

Deshalb haben die drei Präsidenten einen gemeinsamen Vorschlag erarbeitet: Das Geschenk besteht nun aus dem Windspiel und der Restauration des Brunnens.

Hätten Christof Köppel und Käthi Witschi auf das Eingravieren der drei christlichen Sprüche bestanden, wäre Hugo Fehr da­rauf eingegangen, um einen Streit zu vermeiden.