WIDNAU: Das Traumhaus aus der Luft

Adolf Eggenschwiler hat sich einen Traum erfüllt. Doch hinter diesem Traum steht eine grosse Vision. Es geht um den Kampf gegen Beschwerlichkeit und Zersiedelung.

Gert Bruderer
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Nicht einmal eine Stunde verging, bis das am Stück gelieferte Haus vom Spezialkraftwagen aufs Fundament gehoben war. (Bilder: Gert Bruderer)

Nicht einmal eine Stunde verging, bis das am Stück gelieferte Haus vom Spezialkraftwagen aufs Fundament gehoben war. (Bilder: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Die Vorstellung des 72-Jährigen reicht weit in die Zukunft. Zwei, drei Generationen weit. Wie Parzelle um Parzelle bebaut werde, ein Quadratmeter pro Sekunde, mit mächtigen Mehrfamilienhäusern und oft wenig Umschwung, das sei zwar verdichtetes Bauen, aber ist es auch der Weisheit letzter Schluss?

Viele alte Menschen bewohnen ein eigenes stattliches Haus, das oft auch noch auf einem ­grossen ungenutzten Grundstück steht. Von vielen Möglichkeiten eine beschreibt Eggenschwiler so: Warum nicht den vielen Wohnraum vielleicht einem eigenen Kind mit Familie überlassen und selbst in ein Häuschen daneben zügeln? Eines, das sich von heute auf morgen bereitstellen lässt.

Siedlung mit Wohnqualität

Man stelle sich mehrere zusammenhängende Grundstücke vor, die alle auf die beschriebene Weise genutzt werden. Die grossen Einfamilienhäuser auf diesen Grundstücken, die (wie in Quartieren üblich) alle ungefähr aus der gleichen Zeit stammen dürften, könnten fortbestehen, bis ihr Ersatz sich aufdrängt. Die Fertighäuschen neben den Einfamilienhäusern könnten sodann andernorts ihren Zweck erfüllen, und die aus mehreren Grund­stücken bestehende Fläche liesse sich auf völlig neue Art nutzen – in Form einer vorbildlichen, ­altersdurchmischten Siedlung mit reichlich Wohnqualität. Das jedenfalls ist Eggenschwilers Vision.

Überhaupt, die Wohnqualität. Wann hat man sie? Gerade im Alter, sagt der Ingenieur, sei es doch sinnvoll, ebenerdig und einfach zu wohnen, ohne grossen Garten, der sich kaum mehr bearbeiten lässt, und ohne viel Wohnraum, den es beschwerlich in Schwung zu halten gilt. Zwar mangelt es dem Musterhäuschen Eggenschwilers an Keller und Estrich und somit an Stauraum, doch keinen zu haben, könne letztlich besser sein. Adolf Eggenschwiler lächelt wie jemand, der weiss, was es heisst, wenn die Wohnung vor unnützem Zeug überquillt.

An diesem grossen Tag fiebern alle mit

Der Rentner, der noch immer ein Büro für Energieberatung betreibt, hat in Maschinenbau, Betriebswirtschaft und Energietechnik je ein Diplom. Mit 58 Jahren wurde er, nach 18 Jahren in der gleichen Firma, arbeitslos. Fast eineinhalb Jahrzehnte später, an diesem Donnerstag, 23. November 2017, hat er seinen grossen Tag.

Die im Nachbarhaus lebende Schwiegertochter Sandra mit den Buben Beda und Ueli sowie die im anderen Nachbarhaus mit ihrer Familie lebende Tochter verfolgen gespannt mit, wie der Schwertransporter das fertige Haus bringt. Alle sind ganz aufgeregt. «Bereits um halb sechs sind wir aufgestanden», sagt Sandra Eggenschwiler. Ueli blieb ­sogar ausnahmsweise der Spielgruppe fern.

Für die Transportfirma ist die Lieferung des Hauses von Oberriet (wo es gebaut wurde) zum Standort Widnau keine Besonderheit. Kranführer Sandro Frei sagt, man habe auch schon ein ganzes, in Savognin vorfabriziertes Hotel nach St. Moritz gebracht, wofür rund dreissig Fahrten nötig waren.

Doch an der Feldstrasse in Widnau ist die Ankunft des von Adolf Eggenschwiler geplanten Hauses ein Ereignis. Für die 250 Meter von der Hauptstrasse zur Feldstrasse 17 wird eine halbe Stunde benötigt. Zu beseitigende Hindernisse und enge Stellen folgen einander.

8,5 Tonnen wiegt das Gebäude. Es ist 8 Meter lang, 4,30 Meter breit, 3,65 Meter hoch und ganz aus Holz. Der Stahlrahmen unter dem Wohnraum wird aufs Fundament gesetzt. Das Pultdach wird noch aufgesetzt. Natürlich will man wissen, was ein solches Häuschen kostet. Adolf Eggenschwiler sagt, samt Innenausbau und kleiner Terrasse, aber ohne Heizung und Anschlüsse komme man auf 149000 Franken. Also fast ein Preis, wie man ihn aus den Warenhäusern kennt.