Wer trägt Schuld am schweren Unfall?

Beim Bau der AFG Arena war im Februar 2008 ein Arbeiter schwer verunglückt. Ein Bauleiter wurde zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Er appellierte. Das Urteil steht noch aus.

Claudia Schmid
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Der Nebenbau der AFG Arena im Bau Ende Januar 2008 – wenige Wochen vor dem schweren Unfall im vierten Obergeschoss. (Bild: Ralph Ribi)

Der Nebenbau der AFG Arena im Bau Ende Januar 2008 – wenige Wochen vor dem schweren Unfall im vierten Obergeschoss. (Bild: Ralph Ribi)

St. Gallen. Auf der Baustelle der AFG Arena war ein Team von Bauleitern für verschiedene Bauzonen verantwortlich. Im Freizeitgebäude, wo sich der Arbeitsunfall ereignete, war im Grundsatz der 38-jährige Bauleiter zuständig, der gestern vor dem Kantonsgericht St. Gallen stand.

Am Tag des Unglücks im Februar 2008 war ein Zweierteam von Gipsern im vierten Obergeschoss mit Spritzarbeiten an der Decke beschäftigt. Dazu hatten die beiden Arbeiter ein Flächengerüst aufgebaut.

In den Schacht gestürzt

Auf dem Stockwerk befand sich auch die Öffnung eines Installationsschachtes. Er war zwar mit Brandabschottungen versehen, doch fehlte ein durchbruchsicherer Boden. Einer der beiden Arbeiter gelangte in den Schacht, durchschlug mehrere Brandabschottungen und fiel 21 Meter tief bis ins Erdgeschoss. Er verletzte sich schwer. Noch heute ist der Mann arbeitsunfähig.

Wie und warum der Verunglückte in den Schacht geriet, ist laut Anklageschrift nicht klar. Der Arbeiter, der seinen ersten Arbeitstag auf der Baustelle verbrachte, konnte sich nach dem Unfall nicht mehr an die Ereignisse vor dem Fall erinnern. Und auch die Befragung seines Kollegen führte zu keiner Klärung.

Stelle nicht gesichert

Weil die Unglücksstelle ungenügend gesichert war, wurde der für die Sicherheit zuständige Bauleiter wegen fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde angeklagt. Das Kreisgericht verurteilte ihn im letzten Jahr zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 180 Franken. Die Anklage hatte damals 120 Tagessätze gefordert.

Der Bauleiter zog das Urteil an das Kantonsgericht weiter, die Staatsanwaltschaft reichte Anschlussberufung ein.

An der gestrigen Gerichtsverhandlung forderte der Verteidiger, sein Mandant sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Im Untersuchungsverfahren sei die Verantwortlichkeit auf der Baustelle nicht zufriedenstellend abgeklärt worden. Zum Zeitpunkt des Unglücks sei eine andere Baufirma für die Sicherheit zuständig gewesen. Sein Mandant habe davon ausgehen können, dass diese ihre Pflicht erfülle. Der Hergang des Unfalls sei ebenfalls völlig unklar. Es sei nicht sicher, ob der Verunfallte versehentlich oder absichtlich auf den unstabilen Boden des Schachtes gelangt sei – etwa um eine Zigarette zu rauchen. Durch das Erstellen des Flächengerüstes sei eine Gefahrenquelle entstanden. Von dessen Existenz habe der Bauleiter nichts gewusst.

Einige Fragen klären

Die Rechtsanwältin des Verunfallten verlangte die Abweisung der Berufung. Wer die Tätigkeit eines Bauleiters ausübe, sei für die Sicherheit auf der Baustelle verantwortlich, auch wenn noch andere Firmen ebenfalls zuständig seien. Der vorsitzende Richter betonte, es müssten noch mehrere Fragen geklärt werden, bevor das Gericht ein Urteil sprechen könne. Es wird deshalb erst in einigen Tagen veröffentlicht.

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