«Wer austritt, denkt nur kurzfristig»

ALTSTÄTTEN. Josef Benz ist Dekan im Dekanat Altstätten. Aus der Perspektive der katholischen Kirche spricht er über Ursachen und Folgen des Mitgliederschwunds. «Vielen Leuten, die austreten, ist nicht bewusst, welches soziale Engagement der Kirche sie nicht mehr unterstützen und langfristig dem Staat übertragen.»

Monika von der Linden
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«Wer aus der Kirche austritt, macht sich oft zu wenig Gedanken über die Auswirkungen des Entscheids», sagt Dekan Josef Benz. (Bild: Monika von der Linden)

«Wer aus der Kirche austritt, macht sich oft zu wenig Gedanken über die Auswirkungen des Entscheids», sagt Dekan Josef Benz. (Bild: Monika von der Linden)

Josef Benz, obwohl die Bevölkerungszahl steigt, sinkt die Mitgliederzahl beider Landeskirchen. Wäre der Verlust ohne Zuwanderung nicht noch grösser?

Josef Benz: Die Zuwanderung bringt uns nicht mehr viele Mitglieder. Vor vierzig Jahren kamen sie aus katholisch-geprägten Ländern. Heute ziehen von dort jährlich nur etwa zwanzig Katholiken nach Berneck.

Welchen Grund geben die Leute für ihren Austritt an?

Benz: Meist begründen sie ihn nicht. Die Welle ist nicht mehr so hoch wie noch vor zwei Jahren, als Skandale die Kirche erschütterten. Papst Franziskus verbessert mit seinem Auftreten Image und Glaubwürdigkeit der Kirche.

Hören Sie inhaltliche Kritik?

Benz: Vereinzelt werden Prunk und Vatikan kritisiert. Manchmal ergeben sich gute Gespräche, und ich kann erklären, dass wir seelsorgliche, caritative und soziale Aufgaben erfüllen. Aber nur selten ändert jemand seine Meinung und bleibt.

Warum ist die Kirche keine Volkskirche mehr?

Benz: Generell hat die Bindung an eine Gemeinschaft abgenommen. Bevor ich in einen Verein eintrete, überlege ich genau, ob ich die Verantwortung übernehmen will. In die Kirche wird man meist hineingeboren. Viele Leute sind nicht bewusst Mitglied und haben sich innerlich verabschiedet. Sie bleiben zwar, um Rechte zu behalten. Aber ein Christ ist solidarisch und verantwortlich, wenn er in der Kirche mitmacht.

Was tun Sie dafür, um überzeugend zu sein?

Benz: Ich will einen glimmenden Docht zum Brennen bringen. Ich versuche Menschen zu erreichen, wenn ihnen ein kirchliches Angebot nützt. Sei es in der Jugendarbeit, bei einer Hochzeit, Taufe oder wenn sich jemand vertrauensvoll an mich wendet. Dazu gehört die Spiritualität.

Wie kompensiert eine Kirchgemeinde Steuereinbussen?

Benz: Manche Subventionen könnten gestrichen werden. Die Lage ist nicht so prekär, dass wir Gotteshäuser schliessen, Gebäude verkaufen oder Kirchgemeinden fusionieren müssten. Die Zusammenarbeit in einer Seelsorgeeinheit bietet nicht viel Sparpotenzial. Gottesdienste und Bildungsangebote der Pfarreien werden schon jetzt besser koordiniert.

Sehen Sie in Freikirchen ernstzunehmende Konkurrenten?

Benz: Nein. Es gibt einige wenige Katholiken, die zu einer Freikirche wechseln. Der Preis der grösseren Individualität und Überschaubarkeit ist ein grosser sozialer Druck. Den gab es früher bei uns, heute sucht man ihn in einer Freikirche. Die Kirche ist nicht mehr ein Dach für alle. Ich probiere, für jeden da zu sein. Wer bei uns nicht findet, was er sucht, steht aussen vor.

Was wiegt schwerer, Haltung und Skandale der Weltkirche oder die mangelnde Verbundenheit mit der Pfarrei?

Benz: Ich bin überzeugt, die Weltkirche wird als Argument oft nur vorgeschoben. Meistens fühlt man sich mit der Pfarrei nicht mehr verbunden.

Welche Dienstleitungen können Ausgetretene in Anspruch nehmen?

Benz: Im Dekanat Altstätten gibt es keine einheitliche Regelung. Jeder Pfarrer entscheidet selbst. Ich beurteile jeden Fall einzeln. War ein Verstorbener aus der Kirche ausgetreten, respektiere ich das. Trotzdem möchte ich den Angehörigen Trost spenden. Bei einer Hochzeit frage ich, wie wichtig die kirchliche Feier dem Paar ist, wenn nur einer Mitglied ist. Sind Vater und Mutter ausgetreten, taufe ich ein Kind nicht. Es wäre inkonsequent, ein Kind in eine Glaubensgemeinschaft aufzunehmen, der die Eltern nicht angehören.

Was unternimmt das Dekanat gegen den Abwärtstrend?

Benz: Es gibt eine Arbeitsstelle für kirchliche Jugendarbeit und ökumenische Angebote in der Erwachsenenbildung und Glaubensvertiefung.

Erwarten Sie eine Trendwende?

Benz: Ja, mittelfristig. In dreissig Jahren wird die heutige Austrittswelle nicht mehr nachvollziehbar sein. Man merkt erst, was man hatte, wenn es verloren ist. Wer heute austritt, denkt kurzfristig, macht sich keine Gedanken über Auswirkungen. Heute ist der Umweltschutz selbstverständlich. Vor dreissig Jahren war er kaum ein Thema.

Die Kirchen werden immer leerer, hat der konventionelle Gottesdienst ausgedient?

Benz: Nach dem Konzil wurde die Eucharistie auf Kosten anderer Gottesdienstformen aufgewertet. Es ist gut, heute die Vielfalt wieder auszubauen.

Hat der Mitgliederschwund die gleiche Ursache wie der Seelsorgermangel?

Benz: Ja, es machen weniger Leute in der Pfarrei mit. Aus ihr erwachsen weniger Seelsorger.

Graubünden lehnte gerade die Initiativer zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen ab. Was sagen Sie dazu?

Benz: Steuern fliessen in soziale Projekte der Kirche. Das kommt der Gesellschaft zugute und entlastet den Staat.

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