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«Weniger schimpfen, mehr tun»: Gedanken zum 1. August vor 50 Jahren

Was 1971 galt, gilt immer noch: Viel ist uns Schweizerinnen und Schweizern in den Schoss gefallen. Der 1. August sei ein Gedenktag zur Erinnerung «an den Ursprung einer Entwicklung, die mich mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt», meinte ein Autor namens Josef Jäger vor 50 Jahren im «Rheintaler».

Gert Bruderer
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Auf der «Rheintaler»-Titelseite erschienen vor 50 Jahren unspektakulär betitelte «Gedanken zur Bundesfeier». Daneben war die Kolumne «Nebenbei bemerkt» platziert, mit der sich der damalige Redaktionsverantwortliche Hans Müller einen Namen gemacht hat.

Auf der «Rheintaler»-Titelseite erschienen vor 50 Jahren unspektakulär betitelte «Gedanken zur Bundesfeier». Daneben war die Kolumne «Nebenbei bemerkt» platziert, mit der sich der damalige Redaktionsverantwortliche Hans Müller einen Namen gemacht hat.

Bild: Gert Bruderer

Auf der gleichen Seite schrieb Hans Müller: «Schimpfen zählt zwar zu den beliebtesten Menschenrechten eines Demokraten. Merkwürdig ist aber doch, dass, je besser es uns materiell geht, desto stärker aus allen Rohren geschossen wird.»

Für alles einen Sündenbock gefunden

Hans Müller (1917 bis 2012) war langjähriger Allein- und späterer Chef- und Mitredaktor, der für seine Kolumne «Nebenbei bemerkt» bekannt war. In seinem Meinungsbeitrag vom 31. Juli 1971 fuhr er fort: «Unser aufgeklärtes Zeitalter hat für alles vermeintliche oder wirkliche Übel einen Sündenbock gefunden, der dem Mittelalter entsprungen sein könnte: die ‹finsteren Mächte›.»

Interessant ist, dass beide Texte auch nach 50 Jahren aktuell sind. Jäger sah in unserem Staatswesen einen Grund zum Feiern und meinte, die Bundesgründer hätten keine Ideologien geschworen, sondern gelobt, sich gegenseitig zu helfen. (Was Zusammenhalt bedeutet, hat exemplarisch gerade eben die Fussball-Nationalmannschaft vorgeführt, deren unerwarteter Erfolg an der EM nicht ausschliesslich in sportlichen Tugenden, sondern auch in gewissen Vorzügen unseres Staatswesens begründet sein dürfte.)

«Finstere Mächte» 50 Jahre vor Corona

Müller befasste sich in seinem Text mit dem (schlecht be­gründeten) Vorwurf eines Autors, die Presse sei manipuliert, denn finstere Mächte bestimmten den Kurs des Blattes. Da ist fast unweigerlich und mit einem Schaudern an Verschwörungstheorien zu denken, die in jüngster Zeit, begünstigt von Corona, weltweit aufgekommen sind.

«Die Welt wird komplizierter, die Zusammenhänge sind schwer zu erkennen», fuhr Hans Müller fort, und so geschehe das, was Prof. Rolf Dubs*, St.Gallen, unlängst so formuliert habe: «Immer wenn etwas nicht verstanden ist, so werden dafür irgendwelche unheimliche Mächte verantwortlich gemacht.»

Kritik und Schimpfen sei zweierlei. Kritik müsse sein, am 1. August und an den übrigen 364 Tagen.

«Propheten aber, die mit finsteren Mächten operieren, setzen sich dem Verdacht aus, sie würden selbst von irgendwelchen Mächten und Böcken getrieben», schloss Hans Müller seinen Text.

Eine angemessene Gegenleistung erbringen

Josef Jäger erinnerte mit seinen «Gedanken zur Bundesfeier» ans Versprechen der Bundesgründer, «das Recht zu wahren, keine fremden Richter über sich zu dulden und Zwietracht in den eigenen Reihen friedlich beizulegen». Das seien einfache Grundsätze, die 680 Jahre nach Rütlischwur immer noch «Gültigkeit haben». Ob 1971 oder 2021 – sind «nicht stets die Interessen aller Volksteile gegeneinander abzuwägen, wenn solide und wirklich segensreiche Werke entstehen sollen»? Geeignet, in Stein gemeisselt zu werden, ist die Schlussaussage in Jägers Text: «Wenn mir eines fraglich erscheint, so sind es nicht Sinn und Berechtigung der Bundesfeier», sondern eher, «ob ich für das, was mir als Schweizer in den Schoss gefallen ist, auch eine angemessene Gegenleistung erbringe.»

*Wirtschaftspädagoge Rolf Dubs (86) war von 1990 bis 1993 Rektor der Universität St.Gallen.

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