Wem gehört der Applaus der Fans?

Am FC St. Margrethen haben sich in der jüngeren Vergangenheit (fast) alle Trainer die Zähne ausgebissen, Dorde Duvnjak scheint der einzig probate Heldsberg-Dompteur zu sein. «Aber auch für mich ist das Team stets unberechenbar», sagt er vor dem Abstiegs-Gipfel gegen Widnau.

Yves Solenthaler
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Dorde Duvnjak: «Spannender könnte die Ausgangslage vor dem Derby gar nicht sein, diese Affiche interessiert jeden Rheintaler Fussballfan.» (Bild: Yves Solenthaler)

Dorde Duvnjak: «Spannender könnte die Ausgangslage vor dem Derby gar nicht sein, diese Affiche interessiert jeden Rheintaler Fussballfan.» (Bild: Yves Solenthaler)

FUSSBALL. Dorde – sprich: «Tschortschi» – Duvnjak ist der einzige Profitrainer im Rheintaler Fussball: Der 65-Jährige ist pensioniert. Er könnte mit seiner Frau das Leben geniessen, aber: «Der Wohnwagen steht seit drei Jahren unbenutzt vor meinem Haus – das Engagement in St. Margrethen lässt in den warmen Monaten keine Ferien zu.»

Die Aussage zeigt: Manchmal fragt sich Duvnjak durchaus, weshalb er sich das noch antut. Aber er ist vital genug, um auch die schwierige St. Margrether Mannschaft durch Sturm und Wind zu führen. Und wenn ihm nach einem guten Spiel Zuschauer gratulieren, ist es um Duvnjak geschehen: «Es ist für mich wie im Theater: Der Applaus des Publikums würde mir fehlen.»

Absage an Widnau vor 27 Jahren

1989, erinnert er sich, hätte Duvnjak als Spielertrainer zu Widnau in die 3. Liga gehen können: «Ich hätte nur noch den Vertrag unterschreiben müssen, habe mich dann aber doch für St. Margrethen entschieden.» Es war das erste von inzwischen drei Engagements auf der Rheinau. Der Aufstieg gelang damals Widnau mit Trainer Niklaus Mattle, St. Margrethen blieb der zweite Platz. Mit Widnau gab es für Duvnjak danach keine Berührungspunkte mehr, vom Verein spricht er aber mit grossem Respekt: «Die erste Mannschaft durchläuft sportlich eine Krise, aber der Verein ist, ganz ehrlich, eigentlich besser für die 2. Liga inter aufgestellt als St. Margrethen.»

Dennoch denkt er nicht daran, dem Rivalen den Platz in der 2. Liga interregional kampflos zu überlassen. Er weiss, dass der Verlierer dieses Spiels Mühe bekommen wird, den Abstieg noch zu vermeiden: «Es ist das grösste Rheintaler Spiel der Saison, ich freue mich auch auf eine riesige Kulisse auf der Rheinau.» Dass fast alle Rheintaler Fussballfans gegen St. Margrethen sein werden, stört ihn nicht: «Das liegt daran, dass der FC St. Margrethen als <Ausländermannschaft> wahrgenommen wird – um mich darüber aufzuregen, kenne ich das Fussballgeschäft zu gut.»

Viele knappe Niederlagen

St. Margrethen wurde vor zwei Wochen vielerorts bereits abgeschrieben. In den ersten neun Rückrundenspielen hatte die Duvnjak-Elf nicht gewonnen, zuletzt aber mit zwei Siegen Widnau wieder überholt: «Es ist ausgleichende Gerechtigkeit, dass wir den Ligaerhalt trotz dieser Serie noch in den eigenen Füssen haben.»

Duvnjak zählt die knappen Niederlagen auf, nur beim 1:5 gegen Rüti war das Skore eindeutig: «Wir haben immer mithalten können – gegen Mels und Gossau, wo wir nur einen Punkt geholt haben, spielten wir gar mehrheitlich auf ein Tor. Es war ärgerlich, aber eigentlich war mir immer klar, dass auch mal ein Spiel auf unsere Seite kippen wird.»

Ist St. Margrethen in diesem Derby gegen Widnau sogar der Favorit? Die Gastgeber halten einige Trümpfe in der Hand: Sie sind nach zwei Siegen nacheinander im Aufwind, sie wussten im Gegensatz zu Widnau schon vor der Saison, dass ihre Bestimmung der Abstiegskampf ist. Und Widnaus jüngste Auswärtsbilanz spricht auch nicht gegen das Heimteam vom Sonntag: 9 Spiele, 9 Niederlagen.

Für die Gäste spricht dagegen, dass sie mehr personelle Möglichkeiten haben als St. Margrethen – und dass die Mannschaft im Fach «Disziplin» bessere Noten verdient.

Spieler abhanden gekommen

Die mangelnde Disziplin der Spieler ist es auch, woran die Trainer vor Duvnjak gescheitert waren. Auch er verzweifelt manchmal an seinen Spielern: «Ich muss in jedem Training mit dem Unerwarteten rechnen.» Das Abschlusstraining vor dem Uster-Match wurde von gerade neun Spielern (inklusive Goalie) besucht. Das ohnehin schon schmale Kader ist noch weiter ausgedünnt worden: Zwei Spieler, die mit einer Ergänzungsrolle vorliebnehmen mussten, waren im Training seit längerem nicht mehr zu sehen. Und ein weiterer zog dem entscheidenden Spiel in Uster die Meisterfeier von Serienmeister Juventus Turin vor – die Information erhielt Duvnjak drei Tage vor dem Match.

«Ich bin impulsiv, fahre schnell hoch», sagt Duvnjak, «aber ich habe eine wichtige Qualität: Ich komme genau so schnell wieder runter.» Auch wenn er über seine Spieler spricht, mischt sich Enttäuschung mit Verständnis. Es überrascht ihn auch, dass die Mannschaft es immer wieder schafft, auf dem Platz als Einheit aufzutreten.

Wenn das am Sonntag wieder gelingt, können Dorde Duvnjak und seine Spieler wohl den Applaus des Publikums entgegennehmen.