Weisser Flieder

Garten

Urs Stieger
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Weisser Flieder wie im Schlager. (Bild: Urs Stieger)

Weisser Flieder wie im Schlager. (Bild: Urs Stieger)

«Wenn der weisse Flieder wieder blüht» war ein erfolgreicher deutscher Spielfilm Anfang der Fünfzigerjahre. Da ich damals noch im Kinderwagen lag, habe ich den an Biederkeit kaum zu übertreffenden Film nie gesehen. Klar, solche Männer gibt’s nicht mehr, die vor ihr immer und immer wieder hinknien und ihre roten Lippen müde küssen. Davon habe ich aber auch im realen Leben und ausserhalb meines Visa-Gloria nichts mitgekriegt. In meiner Umgebung wurde das Lied, das aus den Zwanziger­jahren stammt, über Jahre gesungen. So war mir Flieder bekannt, bevor ich je eine Blüte gesehen hatte.

Weisser Flieder erinnert mich an St. Galler Stickereien, die damals sehr populär waren. Wie diese hat auch der Flieder an Beliebtheit verloren. Das Bauerngarten-Image wird verstärkt durch einen manchmal unkontrollierten Wuchs. Glaubt man den Gartenzeitschriften, sind solch altmodische Pflanzen wie auch Phlox oder «Läuemüüli» wieder stark im Kommen. Flieder hat gerne kalkbetonten Boden, er passt gut in die einheimischen Gärten, sofern sie nicht gerade auf Rietboden angelegt sind.

Wir haben einmal fünf Fliederbäume in verschiedenen Farben gepflanzt. Natürlich professionell, genau unter der Kante, von der jeweils der Schnee von den Solarpaneelen herunterrutscht. Vier hat die Dachlawine schnell zu Kleinholz gemacht, der fünfte, ein weisser, hat das Glück, dass oben wegen des schrägen Grundrisses nicht mehr viel Schnee herunterrutschen kann. Er dankt es seit Jahren mit stark duftenden Blütenbüschen.

Flieder stammt aus Asien und Südosteuropa. Vor etwa 400 Jahren wurde der erste Flieder von der Türkei an den Wiener Hof gebracht. Da man körperliche Ausdünstungen nicht mit waschen, sondern mit der Überlagerung mit anderen besonderen Duft­noten behandelte, war der starke Duft des Flieders natürlich das Mittel der Wahl. Manche bekommen Kopfweh, wenn Flieder im Zimmer eingestellt wird. Vielleicht spielen aber dabei nur die (Frühlings-)Hormone verrückt, auf diese soll er starken Einfluss haben . . .

Die meisten der Flieder, die man hier kauft, sind wurzelecht, d. h., die Pflanzen wurden aus Stecklingen gezogen. Normaler Flieder hat die Tendenz, überall aus den Wurzeln Ausläufer zu treiben. Wurzelechte tun das nicht oder zumindest viel weniger. Man kann den Flieder auch zu einem Baum ziehen, indem man die unteren Seitenäste immer abschneidet. Dabei sollte aber beachtet werden, dass die Blüten schon im Vorjahr angesetzt werden. Viel Schnitt bedeutet daher auch wenig Blüte.

Fliederduft gibt es in Parfums, im stark frequentierten Restaurantklo als Spray und an deutschen Autobahnen. Kilometerlange Fliederhecken an der Strasse machen dabei den Stau im Fliederduft trotzdem nicht besonders romantisch.

Urs Stieger

Berneck

Der Autor der «Gartenkolumnen» liest und referiert zum Thema am Mittwoch, 7. Juni, um 19.30 Uhr in der Bibliothek Berneck.