«Weinend kommen sie, tröstend geleite ich sie»

«Mein Haus wurde mit dem N gekennzeichnet, zum Zeichen, dass Christen darin wohnen und es jetzt dem Islamischen Staat gehöre. Einen Tag vor Ablauf des Ultimatums sind wir dann geflohen», erzählt Raed aus Mossul.

Christoph Klein Altstätten
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«Mein Haus wurde mit dem N gekennzeichnet, zum Zeichen, dass Christen darin wohnen und es jetzt dem Islamischen Staat gehöre. Einen Tag vor Ablauf des Ultimatums sind wir dann geflohen», erzählt Raed aus Mossul. Das Ultimatum des IS: Entweder zum Islam konvertieren, oder etwa 18 Gramm Gold pro Kopf jährlich bezahlen und so als Untermenschen geduldet werden, den Tod in Kauf nehmen, oder fliehen.

«Als wir an den IS-Checkpoints ankamen, haben sie uns alles weggenommen: Laptop, Fotoapparat und alles Bargeld, was ich besass. Das sei die fällige Kopfsteuer für Christen, meinten sie. Sie haben meinem schwerhörigen sechsjährigen Sohn sogar die Batterien aus dem Hörgerät gestohlen.»

Dieses Wochenende ist es das neunte Mal, dass das katholische Hilfswerk Kirche in Not zum Gebet für die verfolgten Christen weltweit aufruft und an Schicksale wie das von Raeds Familie erinnert.

Nicht erfüllte Prophezeiung

Die Leseordnung sieht für diesen Sonntag einen Abschnitt aus der eindrücklichen «Trostschrift» des Propheten Jeremia (Kapitel 31) vor. «Gnade fand in der Wüste das Volk, das vom Schwert verschont blieb …» Genannt werden im Text die Stämme aus dem Nordreich Israel, das 722/721 v. Chr. von Assyrien erobert wurde. Viele Tausend der Bewohner wurden getötet, viele Tausend andere wurden ins Exil nach Assyrien gezwungen – dorthin übrigens, wo heute der IS sein Unwesen treibt.

Jeremia also (oder jemand aus seiner Schule) prophezeite den unglücklichen Vertriebenen die Heimkehr. Dazu kam es historisch allerdings nie – anders als bei den 586 v. Chr. verschleppten Bewohnern des Südreiches, die 537 zurückkehren konnten. Nicht nur diese, sondern Vertriebene aller Zeiten, Juden wie später auch Christen, bezogen die Trostschrift auf ihr Schicksal.

Christen im Exil

In den Flüchtlingslagern, wo die UNO nur noch 1,50 Dollar täglich pro Flüchtling zur Verfügung hat, oder in den armseligen Hütten und Zelten, die in den Ländern des Nahen Ostens von teilweise unregistrierten Flüchtlingen bewohnt werden, stellt der Lesungstext wohl eine fast erschreckende Provokation dar: «Ich verwandle ihre Trauer in Jubel …» – Vertröstung auf die allzu banale Art?

Durch den Gedenk- und Gebetstag für die verfolgten Christen will Kirche in Not die Gläubigen wachrütteln. Ob Jeremias Vision erneut unerfüllt bleibt, oder ob es einst Rückkehr geben wird, hängt wesentlich von der Solidarität der Christen weltweit ab. Denn Hilfe ist dringend nötig – und möglich. Kirche in Not unterstützt einfache Projekte, die Flüchtlingen im Nahen Osten helfen, die Grundbedürfnisse abzudecken, ihnen aber auch Bildung ermöglichen. So sollen sie im Exil spüren, dass ihre Trauer nicht das Letzte ist und die Worte der Bibel nicht leer sind. Sie sollen ihre Menschenwürde dort spüren, wo sie sind, und ermutigt werden, im Nahen Osten zu bleiben.