«Weihnachten ist Begegnung»

Weder die Gastgeber noch die Gäste haben gewusst auf wen sie treffen würden. Und doch haben sie es gewagt und miteinander Weihnachten gefeiert. Ein untypisches aber fröhliches Fest, zu dem Christen Flüchtlinge eingeladen haben.

Monika von der Linden
Drucken
Teilen
Die drei jungen Männer kommen aus Afghanistan. Am Mittwoch feierten sie zum ersten Mal Weihnachten. (Bild: Monika von der Linden)

Die drei jungen Männer kommen aus Afghanistan. Am Mittwoch feierten sie zum ersten Mal Weihnachten. (Bild: Monika von der Linden)

ALTSTÄTTEN. Im Städtli herrscht geschäftiges Treiben am Mittwochabend. Die Geschäfte sind noch offen und es dauert noch einen Tag, bis Weihnachten einkehren wird. Im Kirchgemeindehaus ist es anders, da findet Weihnachten gerade statt.

Die Atmosphäre im Saal ist abwartend, anders als an Festen, die die Kirche sonst organisiert. Etwa die Hälfte der Stühle ist besetzt. Bis jetzt sind nur Schweizerinnen und Schweizer da. Sie haben sich in kleinen Gruppen an den gedeckten Tischen im Raum verteilt.

Auf der Bühne spielen drei Musiker wohltuend leise Melodien.

Aus der Küche strömt ein angenehmer Duft. Zehn Freiwillige bereiten dort ein feines Nachtessen zu.

Die Besucherinnen und Besucher im Saal sind ein wenig unsicher. Sie wissen nicht, was sie erwartet, mit wem sie den Abend verbringen und Weihnachten feiern werden.

Die Türe öffnet sich. Wachleute einer Sicherheitsfirma treten ein. Ihnen folgen ungefähr neunzig fremde Menschen. Es sind Flüchtlinge, die seit ein oder zwei Wochen im Empfangszentrum in Altstätten wohnen und schon bald wieder weiter müssen oder dürfen. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, sprechen Farsi, aber kein Deutsch und kaum Englisch.

Der gegenseitige Blick in die Gesichter scheint wichtiger denn je. Wo Worte fehlen, werden Mimik und Gesten stärker wahrgenommen.

Es sind viele Jugendlichen unter ihnen. Sie lächeln, wirken aufgestellt und aufgeschlossen, freuen sich offensichtlich, dass sie Gäste an diesem Fest sind.

Was hier gefeiert wird, wissen viele von ihnen nicht. Sie sind keine Christen, sie sind Moslems. Weihnachten gehört nicht zu ihrer Religion, deshalb kennen sie auch nicht seine Bedeutung, seinen Inhalt.

Christen und muslimische Flüchtlinge feiern miteinander Weihnachten. Warum, wenn dabei die religiöse Gemeinsamkeit fehlt?

«Weihnachten ist Begegnung», sagt Michael Kontzen von der katholischen Seite der christlichen Kirche. «Es ist ein Unterschied, ob ich über Flüchtlinge rede oder mit ihnen», sagt er und wendet sich kurz ab. Er fordert die nächste Tischreihe auf, ans Buffet zu gehen. Dann spricht er weiter: «Es ist nicht die Aufgabe der Kirche zu entscheiden, ob sie ein Recht haben, in der Schweiz zu sein. Sie sind da und es sind Menschen.»

Sonst predigt Michael Kontzen über das Evangelium. «Heute lebt es durch das Fest.»

Für wen hat das Fest einen grösseren Nutzen? Sind es die Flüchtlinge oder sind es Christen, die Gutes tun?

«Für beide», sagt Michael Kontzen. «Wir überwinden Berührungsängste und zeigen den uns fremden Menschen, dass wir sie wahrnehmen.

Das wirkt doch wie ein Tropfen auf einem heissen Stein.

«Ja», sagt Alfred Ritz. «Aber es zählt der Abend heute.» Er hofft, mit einem Flüchtling sprechen zu können, etwas über sein Schicksal und seine Hoffnungen zu erfahren. «Ich weiss nicht warum sie alle geflohen sind. Das spielt heute auch keine Rolle. Ich möchte sie als Menschen kennen lernen. Die frühere Präsident von evangelisch Altstätten hofft, dass die Asylsuchenden in der Schweiz etwas lernen werden, dass ihr Land weiter bringen kann.»

Die Idee dieser doch untypischen Weihnachtsfeier soll sich auch nicht auf den einen Abend beschränken. Das möchte Sven Hopisch erreichen. Er gehört der reformierten Seite der Gastgeber an und erzählt vom Erfolg des Asylcafés in der Brocki in Altstätten – ein Ort der Begegnung zwischen Asylbewerbern und Einheimischen.

Ein kleines regelmässiges Weihnachten, wie Michael Kontzen das christliche Fest definiert.

Die Feier nimmt ihren Lauf. Die leichte Anspannung von Beginn ist spätestens nach dem Hauptgang verflogen.

Es wird lauter im Saal. Man spricht und lacht miteinander. Irgendwie schafft es jede und jeder, sich mitzuteilen und sein Gegenüber zu verstehen.

Das Wagnis darf man als gelungen ansehen. Es gab viele Begegnungen, die wohl in Erinnerung bleiben werden.

Aktuelle Nachrichten