Wege, die das Leben nimmt: Regisseur Thomas Lüchinger stellt seinen neusten Dokumentarfilm vor

Der aus Oberriet stammende Regisseur Thomas Lüchinger sprach im Kino Madlen in Heerbrugg über seinen Film «Paths of Life».

Yves Solenthaler
Drucken
Teilen
Regisseur Thomas Lüchinger erzählte nach der Leinwandaufführung über die Entstehung des Dokumentrarfilms «Paths of Life».

Regisseur Thomas Lüchinger erzählte nach der Leinwandaufführung über die Entstehung des Dokumentrarfilms «Paths of Life».

Bild: ys

Zum zweiten Mal nach dem Lockdown kamen die Stammgäste des Kinotheaters Madlen am Montag in den Genuss des «Besonderen Films». «Es ist schön, dass in diesem Haus nach drei Monaten Ruhe wieder Leben ist», begrüsste Kinobetreiber Pascal Zäch die Runde.

Thomas Lüchinger freute sich auch darüber, dass «eines der schönsten Kinos» wieder geöffnet ist. Seine Einleitung war kurz: «Ich habe heute in einer Zeitung gelesen, dass das chinesische Schriftzeichen für ‹Krise› aus ‹Gefahr› und ‹Chance› bestehe. Das passt zu diesem Dokumentarfilm.»

Drei Porträts und eine philosophische Klammer

«Paths of Life» (Pfade des Lebens) zeigt die Lebensgeschichte einer Amerikanerin, einer Isländerin und eines Steirers. Es sind unterschiedliche Pfade, denen Aviva Gold, Sólveig Katrín Jónsdóttir und Marcus Pan folgen. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie die tiefste Krise ihres Lebens dazu genutzt haben, sich auf ihren ganz eigenen Weg einzulassen.

Aviva Gold war ein wildes und neugieriges Kind, das in einer, wie sie sagt, dysfunktionalen Familie aufwuchs. So fasste sie kein Vertrauen zu anderen Menschen, später wurde sie als dreifache Mutter von ihrem Mann im Stich gelassen. Sólveig Jónsdóttir erlebte eine unbeschwerte Jugend mit ihrer fünf Jahre älteren Schwester, die mit 19 Jahren die Diagnose «Schizophrenie» bekam. Sólveig arbeitete als Model, als sich ihre Schwester das Leben nahm. Mit Hilfe von Freunden fand sie wieder Halt im Leben. Sie studierte Psychologie in Edinburgh, gründete in Island eine Familie. Aber es kam zur vorläufigen Trennung mit ihrem Mann, gleichzeitig wurde sie krank und verlor ihre Arbeitsstelle.

Der Naturbursche Marcus Pan jobbte mal als Wegmacher, mal als Totengräber. Bis er die Permakultur entdeckte. Er leitete ein Projekt, in dem mit behinderten Kindern eine kleine Landwirtschaft entstand. Das Glück zerbrach, weil seine «nicht kleine» Hanfplantage aufflog. Er bekam nach langer Untersuchungshaft zwei Jahre bedingten Freiheitsentzug, und vom Arbeitgeber die Kündigung. Sein Dorf im Salzkammergut, «den schönsten Ort der Welt» musste er verlassen. Er ging in die Schweiz, sammelte zu Beginn aber nur berufliche Enttäuschungen.

Die philosophische Klammer dieser drei Lebensgeschichten bildet in «Paths of Life» der Sachbuchautor Alexander Lauterwasser aus Überlingen am Bodensee. Wenn ein Mensch die Resonanz zu sich selbst finde, also seinen persönlichen Traum definieren kann, «ist der Tiefpunkt nicht der Endpunkt, sondern der Wendepunkt.»

Aviva Gold beschäftigte sich mit prozessualem Malen. Sie erfand das «Quellen-Malen» (Source Painting), ihre Workshops sind inzwischen bekannt. Sie macht klar, dass der Wendepunkt zum Guten nicht nur mit dem Erkennen seiner Träume durchschritten wird: «Am Anfang tat ich so, als habe ich Macht und Energie.» Regisseur Lüchinger sagte nach der Leinwandvorführung: «Das ist ein Schlüsselsatz des Films. Auf Englisch gibt’s die Redensart: Fake it till you make it (fälsche es, bis du es schaffst.»

Sólveig Jónsdóttir bietet schamanisch anmutende Therapien an, und sie bildet mit ihrem Mann, von dem sie zeitweise getrennt lebte, eine glückliche Familie mit zwei Buben. Marcus Pan kehrte zur Permakultur zurück. Er gibt Kurse in dieser nachhaltigen Form der Landwirtschaft und gehört zu ihren führenden Köpfen.

Thomas Lüchingers Werdegang vom Kantonsschullehrer in Heerbrugg zum Filmregisseur bildet die autobiografische Basis zum Film. «Ich musste auch erst die Resonanz zu mir selbst finden, bis ich meinen Traum zu leben wagte.» Ein Seminar bei Aviva Gold hatte ihm vor 30 Jahren dazu verholfen. Die Amerikanerin war somit das Vorbild für den Film. Die anderen Lebensgeschichten sammelte Lüchinger über Facebook.

Er lässt den porträtierten Menschen Raum, gibt ihnen Zeit, um Vertrauen zu gewinnen. Nur so schaffe es ein Dokumentarfilmer, dass die Porträts authentisch wirken.

Berührende Geschichten jenseits der Schmerzgrenze

Die Lebensgeschichten sind sehr authentisch erzählt, führen aber den Betrachter im flauschigen Kinosessel nicht an die Schmerzgrenze. Denn Thomas Lüchinger gewährt seinen Protagonisten das Recht zur Lücke. Wo es fürs Verständnis nötig ist, füllt Lüchinger diese Lücken. Etwa, indem er Aviva Gold mit ihrem erwachsenen Sohn reden lässt, der klar, aber ohne Verbitterung, Versäumnisse ihrer Erziehung nennt: «Ich habe mich selbst grossgezogen.»

Das Resonanzgesetz ist eher für sich selbst als für die anderen stimmig.