«Was nicht Kunst ist, raubt nur Zeit»

LÜCHINGEN/ALTSTÄTTEN. Auf den Bau kehrt er höchstens für wenige Wochen zurück – wenn ihm die Farben ausgehen. Die braucht Simon Kness für seine Kunst. Sie hilft ihm, alles auszuhalten. Auch sich selbst.

Gert Bruderer
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Mit den Konturen räumt Simon Kness immer schonungslos auf. (Bilder: Gert Bruderer)

Mit den Konturen räumt Simon Kness immer schonungslos auf. (Bilder: Gert Bruderer)

Menschen, Gesichter, Bewegung. Nichts anderes zeigen die Bilder der letzten Jahre. Grossformatige magische Welten, die der Geist aus mehreren Jahrhunderten durchweht. Kness, den verschiedene Meister wie Rembrandt oder El Greco «nicht loslassen», ist detailversessen, aber räumt am Ende immer schonungslos mit den Konturen auf, indem er sie verwischt und seine Menschen, auch sich selbst, der Wirklichkeit entrückt.

Feldstecher für die Falten

Als Simon Kness einmal dabei war, einen anderen zu porträtieren, bediente er sich unvermittelt des Feldstechers, um die Falten seines konsternierten Gegenübers zu studieren. Oder er packte das fertige Bild und zerstörte es. Auftragsarbeit ade. Der zweite Versuch brachte das gleiche Ergebnis. Simon Kness erkannte, wo er angekommen war – «in der Erstarrung». Aber das war früher, als ein Genauigkeitsfimmel ihn plagte. Als die ungewollte Spur eines einzelnen Pinselhaars ihn quälen konnte. Jetzt, aus zeitlicher Distanz, bemerkt er knapp: «Es nahm psychopathische Züge an.» Inzwischen scheint es ihn zu amüsieren.

Rastlos, ohne Plan

Früher, das ist lange her. Davor war Basel, und zuerst Berlin, die Arbeit im Kulissen- und Theaterbau.

Der Oberrieter schweisste für den Film «The Never Ending Story» lange Wurzeln aus Metall zusammen, in den Neunzigern. Schon damals war er rastlos, keiner, der dem Planen etwas abgewinnen konnte.

Die Konstante seines Lebens ist ein Anspruch, der die Arbeitsweise wie den Stil begründet: Alles – seine Kunst, das Leben – hat Improvisation zu sein. «Ich setze auf Lebendigkeit», sagt Simon Kness. Es klingt wie eine Phrase, die der Künstler aber konsequent mit Sinn ausstattet, in seinem Lüchinger Atelier.

Bleischwer steht er da, in der ehemaligen Lackiererei und Spenglerei Iten, wie immer dunkel angezogen, auch im Sommer ausnahmslos im langärmligen Hemd, in langen Hosen. Die Erscheinung passt zur Düsternis der Werke.

Ein paar Schritte weiter liegt das Riet, beginnt das unbeschwerte Leben, das im Werk des Künstlers keinen Platz hat. Die Skulptur, die Simon Kness vor kurzer Zeit vollendet hat, die erste, ist ein Leidender. Der Künstler hat das Eisen kalt geschmiedet, mit dem grossen, schweren Hammer. Es gibt nichts, sagt Kness, von dem er schon im Voraus sage, dass er es nicht könne.

Die Kontrolle verlieren

50 ist er eben erst geworden, selbstbewusst ist er schon länger. Seinen Platz als Künstler habe er gefunden. «Man wird immer älter», sagt er, «und ich will, was ich zu sagen habe, sagen können, künstlerisch auf meine Weise.» Aber das «schliesst jede Arbeit aus, denn alles, was nicht Kunst ist, raubt nur Zeit».

Ein neues Bild, das drei Figuren zeigt, heisst «Kurzer Trip ins Jenseits». Es ist auch der Titel eines Textes aus dem deutschen Wochenblatt «Die Zeit». Kness hat präzis Gemaltes mit der Zeitungsseite so verwischt, dass seine Malerei und fremde Wörter sich vereinten.

«Als ich einmal Peter Handke war» ist ebenfalls ein Titel; Kness schwärmt von der Sprache Handkes, nennt sie wunderbar. Er hat die Zeitungsseite mit dem Text zu Handke für ein Selbstporträt verwendet, hat es auf die Seite übertragen, was vielleicht die meisten als Zerstörung abtun, Simon Kness hingegen schafft so Neues und versetzt sich selbst und seine Kunst in einen Zustand, der sich nicht mehr kontrollieren lässt.

Unglaublich, was auf diese Art gelingen könne, sagt er. Ein Porträt so zu verfremden, dass er den Gesichtsausdruck im Ungefähren suchen muss, das fasziniert ihn sehr.

Entscheid fiel in der Lehre

Auf den Bau kehrt der gelernte Maurer nur zurück, wenn ihm die Leinwand ausgeht, wenn er wieder Farben braucht. Wie kürzlich, für drei Wochen. Simon Kness stand jeden Morgen übertrieben früh im Atelier – um vier Uhr oder früher. Nur so habe er die Arbeit auf dem Bau ertragen. Schon in seiner Lehrzeit wusste er, was nachher kommen sollte: nur die Kunst. Die andern lachten. Mit der ersten Freundin gab es Krach, er malte ihr zu viel. Jetzt teilt er sich die Werkstatt und das Atelier mit einer Künstlerin, der nebenan aufgewachsenen Monika Iten. Mit ihr hat Simon Kness eine 11-jährige Tochter.

Die Dinge neu sehen

Die Lust, die Dinge neu zu sehen, ist zugleich der Zwang, Bekanntem mit übertriebener Kraft etwas entgegenzusetzen, Bestehendes aufzulösen, einem Bild Tiefe zu geben, indem der Ungenauigkeit ausnahmslos Präzision vorausgeht.

Simon Kness begann vor langer Zeit mit einer grossen Leidenschaft. Inzwischen hat sie, wie bei vielen Künstlern, umgeschlagen in Besessenheit.