Walzenhausen
Ein Gemeindehaus mit Geschichte: Das steckt hinter der Nummer 84 in Walzenhausen

1971 hat die Gemeinde Walzenhausen das Haus Dorf Nummer 84 bezogen. Seine Historie ist jedoch bereits hundert Jahre älter.

Peter Eggenberger
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Das Gemeindehaus in Walzenhausen.

Das Gemeindehaus in Walzenhausen.

Bild: PD

Erbaut wurde das heutige Gemeindehaus Walzenhausens 1871 von Titus Rohner. 1838 geboren, ging er als erfolgreicher Stickereifabrikant in die Gemeindegeschichte ein. Seine Hauptfabrik befand sich oberhalb des Bahnhofplatzes im grossen, heute als «Holzkirche» bekannten Gebäude. Gleichzeitig machte er als Politiker Karriere. Ab 1893 gehörte er dem Ausserrhoder Regierungsrat an. 1899 verzichtete er überraschend auf das Amt. Eine Wiederwahl an der Landsgemeinde stand auf der Kippe, weil er sich mit dem damaligen Gemeindepfarrer Paul Sutermeister überworfen hatte. Der Geistliche wurde 1898 abgewählt. Sutermeister bekämpfte vehement das in Walzenhausen und dem weiteren Vorderland grassierende, damals in der Schweiz verbotene Lotteriewesen.

Bei Heimarbeiterinnen in Vorarlberg verkehrende Walzenhauser Stickereifabrikanten kauften Lose in Österreich, die dann in der Gemeinde weiterverkauft wurden. Viele verschuldeten sich und immer wieder wurde gemunkelt, dass hinter dem Lotteriegeschäft nebst anderen auch Regierungsrat Rohner stecke. Dieser wiederum war einer der Drahtzieher der Abwahl des bei einem Teil der Bevölkerung in Ungnade gefallenen Pfarrers. Der Freundeskreis des Geistlichen opponierte in der Folge gegen Rohner, was diesen zum Verzicht auf das Amt bewog.

Im Haus führte Rohner mit seiner Gattin ab 1878 auch die kommunale Agentur der Ausserrhoder Kantonalbank, die 1877 gegründet worden war. Nach Rohners Tod (1915) ging das Haus an Titus Rohner junior über, der auch das Stickereiunternehmen weiterführte.

Spätere Eigentümerin des Hauses war Naturärztin Clara Locher, die das Haus schliesslich der Gemeinde verkaufte. Im Jahr 1970 bewilligte die Stimmbürgerschaft Walzenhausens 200000 Franken für den Kauf und Umbau des Gebäudes in ein Gemeindehaus. Das Geld reichte aber nicht, sodass im Jahr darauf ein Nachtragskredit in der Höhe von 78000 Franken gutgeheissen wurde. In diesen Betrag eingeschlossen war der gleichzeitige Kauf einer Fakturier-, Buchungs- und Abrechnungsmaschine.

Noch im gleichen Jahr erfolgte der Umzug vom alten Kanzleistandort (heutiges Haus Kellenberger, Nummer 88) ins neue Verwaltungsgebäude.