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Von unrühmlichen Geschichten erzählen

Aus christlicher Sicht
Silke Dohrmann
Ein Geheimnis preisgeben: Das Gegenseitige Erzählen der eigenen Geschichte kann stärken. (Bild: depositphotos/Nomadsoul)

Ein Geheimnis preisgeben: Das Gegenseitige Erzählen der eigenen Geschichte kann stärken. (Bild: depositphotos/Nomadsoul)

Manchmal geschieht es: Auf einmal erzählt einer seine schwie­rige Kindheitsgeschichte. Eine Frau spricht von einem Tumor, der gerade bei ihr entdeckt worden ist – ob er gutartig ist? Sie fürchtet sich vor dem Arztgespräch. Jede erzählt von den Verletzungen, die das Leben ihr beigefügt hat. Es ist, als ob wir beim Erzählen gemeinsam gestärkt worden sind, denn sehr fröhlich gehen wir an diesem Tag auseinander.

Im Pfarrkapitel haben wir uns über das Thema ausgetauscht: «Die Väter haben saure Trauben gegessen, und die Kinder haben stumpfe Zähne.» (Hesekiel 18) Welche unrühmlichen Geschichten haben wir in unserer Kirchgemeinde vorgefunden, deren Auswirkungen bei Einzelnen bis heute spürbar sind? Viele berichteten von den Konflikten vor 50 Jahren zwischen den Katholiken und den Reformierten, die sich erst langsam beruhigten, als es gemeinsame Schulen gab. Ein weiteres Thema waren die Verdingkinder, die unter den Augen der Pfarrer mitten in den Gemein­-den fremdplatziert wurden. Auch wenn wir diese und andere dunkle Geheimnisse heute mit Scham betrachten, das ist unsere Geschichte und gehört zu unserer Geschichte mit Gott. An diesem Tag sind wir Pfarrpersonen uns näher gekommen – und vielleicht auch den Opfern dieser Geschichten.

Oft erlebe ich Widerstand dagegen, dort hinzuschauen, wo es weh tut (auch bei mir selber). Aber was geschieht, wenn ich den Schmerz nicht fühlen will? «Das möchte ich gar nicht wissen», hörte ich als Kind. Es hat mich damals schon gestört. Heute gibt es Berater, die ihren Klienten weismachen, dass die Konzentration auf das Positive zum Erfolg führt. Unsere Bibel hatte andere Berater. Und so hören wir von unse­-ren Vätern und Müttern in der Bibel auch die unrühmlichen Geschichten.

Eigentlich erstaunlich, dass die Schatten in all den Jahrhunderten nicht wegretuschiert wurden. Im Gegenteil, erst das Schamvolle, mit dem sie sich auseinandersetzen mussten, macht Abraham, Mose, David, Petrus und Paulus zu um so glaubwürdigeren Zeugen der Liebe Gottes und der Hoffnung.

«Lass dir an meiner Gnade genügen, denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.» (2. Korintherbrief 12, 9).

Ob das das Geheimnis ist, dass wir gestärkt und hoffnungsvoll auseinandergehen, wenn wir miteinander unsere unbequemen Lebensgeschichten teilen? Ob es die Kraft Gottes ist, die in uns wächst, wenn wir uns gegenseitig in unserer Schwäche zumuten? Vielleicht ist das Erinnern ja auch die Quelle vom Widerstand gegen ungerechte Zustände.

Silke Dohrmann

Pfarrerin in Widnau und Kriessern

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