Vom Waisenkind zum Künstler

Walter Mafli gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Westschweiz. Am 10. Mai wird er 100 Jahre alt. Aufgewachsen ist er in Rebstein und Balgach. Kaum erwachsen geworden flüchtete er nach einer schwierigen Kindheit aus dem Tal. Einige enge Freundschaften bestehen aber bis heute.

Max Tinner
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REBSTEIN/PAYERNE. Eine Kindheit, wie sie Walter Mafli erlebte, wünscht man niemandem. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter war taubstumm und nicht in der Lage, sich um den Bub zu kümmern. Seine ersten sechs Lebensjahre verbrachte Mafli darum bei seiner Grossmutter in Rebstein, wo er auch zur Welt gekommen ist. Mit sechs Jahren kam er ins damalige Waisenhaus Wyden in Balgach. «Er hatte dort eine himmeltraurige Jugend», erzählt der Heerbrugger Fürsprech Christoph Egli. «Wir wurden geschlagen und verprügelt», erinnerte sich der Künstler selbst vor ein paar Jahren während eines Auftritts in der Fernsehsendung Aeschbacher an seine Kindheit.

Dies dürfte mit ein Grund gewesen sein, weshalb es Walter Mafli aus dem Rheintal hinaus trieb. Nach der Schulzeit begann er eine Lehre als Ofenbauer. Weil damals aber grad die Zentralheizungen aufkamen, kam es, dass er die Ausbildung wechseln und die Lehre als Plättlileger abschliessen musste. Wenig später erkrankte er an Scharlach. Weil er mehrere Wochen ausfiel, verlor er seine Arbeitsstelle. Dies brachte das Fass zum Überlaufen. Walter Mafli kehrte der Deutschschweiz den Rücken. «Ich hatte die Nase voll», sagte er später. In der Romandie hoffte er sein Glück zu finden.

Fabrik-Ferienlohn fürs erste Bild

Christoph Egli verbindet eine enge Freundschaft mit dem Künstler. Mafli und Eglis Vater hatten in der Sekundarschule in Berneck zusammen die Schulbank gedrückt. Dort im Zeichenunterricht wurde auch Walter Maflis Begeisterung fürs Malen geweckt. Die damals begründete Freundschaft hielt über all die Jahrzehnte, quer durch die Schweiz und in die nächste Generation hinein. Als 14-Jähriger habe er sein erstes Bild von Walter Mafli gekauft, erzählt Christoph Egli. Der Künstler habe es ihm zu einem vorteilhaften Preis, für lediglich 70 Franken, überlassen. Viel mehr hätte er allerdings auch nicht zur Verfügung gehabt. Christoph Egli kaufte sich das Bild von dem Geld, das er (in seinem damaligen Alter eigentlich verbotenerweise) während eines Ferienjobs in der Fabrik verdient hatte. Über die Jahre kam dann noch das eine oder andere Bild dazu, denn Christoph Egli ist fasziniert von Walter Maflis Ausdruckskraft und Mafli selbst ist ein ausgesprochen fleissiger Schaffer. Noch längst seien nicht alle Werke Maflis katalogisiert, weiss Egli. «Und Mafli malt noch heute täglich – trotz bereits eingeschränkter Sehkraft.»

Späte Anerkennung

Dabei habe Walter Mafli lange nicht von der Kunst leben können. Zwar besuchte er die Kunstgewerbeschule in Lausanne. Den Lebensunterhalt musste er sich aber weiterhin als Plättlileger auf der Baustelle verdienen. Erste Erfolge als Maler hatte Mafli in den 1950er Jahren, der Durchbruch kam aber erst Ende der 1970er Jahre, als er schon aufs Pensionsalter zuging. «Damit teilt er das Schicksal so manchen Künstlers», konstatiert Christoph Egli nüchtern. In die Zeit der ersten Erfolge fiel auch eine der wenigen Ausstellungen im Rheintal. Die Familie Egli hatte sie zur Unterstützung des Künstlers für einen kleinen Kreis Kunstliebhaber und Freunde Walter Maflis an der Sekundarschule in Heerbrugg organisiert. Es sei ja nicht so, dass Mafli nach seiner schwierigen Kindheit in Balgach gar nicht mehr ins Rheintal gekommen wäre. Er sei immer wieder mal zu Besuch hier gewesen – nicht zuletzt um alte Freundschaften zu pflegen. Gleiches gilt umgekehrt: Die Familie Egli hat Walter Mafli immer wieder in der Westschweiz besucht. Christoph Egli war erst kürzlich in Payerne, wo zurzeit eine grosse Ausstellung zu sehen ist, die einen Querschnitt durch Maflis Lebenswerk zeigt.

Auch Luzia Lämmli aus Rebstein hat die Vernissage besucht. Sie hat den Künstler kennengelernt, als Pro Cultura Rebstein vor sechs Jahren ihm zu Ehren eine Ausstellung in der Züco organisiert hat, und war gleich begeistert von den Bildern, aber auch vom Esprit des Künstlers. «Walter Mafli ist ein sehr umgänglicher und unterhaltsamer Mensch», beschreibt ihn auch Christoph Egli, «es bereitet Freude, sich mit ihm zu unterhalten.»

Dass Walter Mafli noch mit bald 100 Jahren fitter ist als manch ein junger Mann, verdankt er wohl dem Sport. Der Künstler ist früher Radrennen gefahren. Am Giro d'Italia habe er einmal fast den Weltmeister geschlagen, erzählt er gerne. Noch mit 80 Jahren fuhr er mit dem Velo kreuz und quer durch Sardinien. Und erst mit über 90 Jahren habe er erstmals während der Fahrt bergauf vom Velo absteigen müssen.

Die Ausstellung im Musée de l'Abbatiale (Klostermuseum) an der Place du Marché in Payerne ist noch bis 25. Mai, jeweils von Dienstag bis Sonntag, zu sehen. www.waltermafli.ch www.estavayer-payerne.ch/de/ expo-abbatiale-mafli.html

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