Vitaminpillen gegen Brustkrebs

In einer koordinierten Aktion haben die kantonalen Lebensmittelbehörden neun Callcenter inspiziert, die per Telefon Nahrungsergänzungsmittel als Heilmittel verkaufen. Fünf befinden sich in der Ostschweiz.

Christoph Fust
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Dem ohnehin schon angekratzten Ruf von Callcentern dürfte der jüngste Streich der Schweizer Kantonschemiker nicht dienlich sein: Die Behörden haben neun Betriebe kontrolliert, die normale Lebensmittel, insbesondere Nahrungsergänzungsmittel, als Heilmittel angepriesen hatten. Kurt Seiler, Kantonschemiker für beide Appenzeller Kantone, Glarus und Schaffhausen, hat die Aktion koordiniert: «Wir haben uns die Verkaufspraktiken angeschaut. Alle neun inspizierten Callcenter haben ihre Produkte mit unzulässigen und täuschenden Anpreisungen verkauft.» Ob etwa Omega-3- Fettsäuren gegen Krebs oder Vitamin-Cocktails gegen Organschäden: «Die Verkäufer hatten für jedes Gebrechen das passende Präparat», sagt Seiler.

Fünf Fälle in der Ostschweiz

Nebst Firmen in Basel-Stadt, Bern, Luzern und Zürich kontrollierten die Chemiker auch vier Callcenter im Kanton St. Gallen und eines im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Kurt Seiler vermutet, dass hinter den Firmen eine Holdinggesellschaft steckt.

Die unangekündigten Inspektionen konnten in geordnetem Rahmen abgewickelt werden, da kein Widerstand geleistet wurde. «Es war das erste Mal, dass wir Callcenter unter die Lupe genommen haben», sagt Seiler. In punkto Deklaration von Lebensmitteln stünden die Callcenter beispielsweise Verkaufsläden in nichts nach. Auch für den Verkauf per Telefon gelte das Lebensmittelrecht.

Auslöser für die Inspektion im Dezember, die in allen sechs Kantonen zeitgleich durchgeführt wurde, waren ein Beitrag des «Kassensturz» vom 28. Oktober 2014 und eine strafrechtliche Verurteilung in einem ähnlichen Fall im Kanton Luzern.

Stolz auf Erfolgsquote

«Die Angestellten haben systematisch hilfsbedürftige und ältere Personen angerufen. Bei der Befragung waren sie sich des Regelverstosses oft nicht bewusst», stellt Seiler fest. Im Gegenteil: Zum Teil seien sie stolz auf ihre hohen Erfolgsquoten gewesen. Die Produkte selbst hätten die lebensmittelrechtlichen Vorgaben grösstenteils erfüllt, stellten die Kontrolleure fest. Ein Risiko bestand für die Opfer der Verkaufsmasche jedoch trotzdem. Denn gemäss Gesprächsleitfäden hätten die Verkäufer den potenziellen Käufern geraten, vom Arzt verschriebene Heilmittel abzusetzen und durch die beworbenen Produkte zu ersetzen. Weil die Gefährdung der Gesundheit der Konsumenten bewusst in Kauf genommen wurde, haben die Kontrollbehörden bei den Staatsanwaltschaften der betroffenen Kantone Strafanzeige eingereicht. Zudem wurden alle Firmen per Verfügung aufgefordert, ihre unerlaubten Anpreisungen einzustellen. In Zukunft müssen sie der Lebensmittelbehörde darlegen können, dass sie ihre Mitarbeiter über das Verbot von Heilanpreisungen informiert haben. Hinzu kommt laut Kurt Seiler der finanzielle Schaden: «Die Produkte waren bis zu zehnmal teurer als im Handel.» Die Kontrollbehörden sind deshalb der Meinung, dass dieser unrechtmässige Gewinn eingezogen werden soll. Dies wurde ebenfalls bei den Staatsanwaltschaften beantragt.

«Einfach den Hörer hinlegen»

Kurt Seiler möchte den Erfolg der Aktion noch nicht einordnen: «Zuerst müssen wir prüfen, ob sich die Callcenter an unsere Verfügung halten.» Bei einem erneuten Verstoss würden die Kantonschemiker wieder Strafanzeige machen. Ausserdem sei entscheidend, wie die Staatsanwälte nun verfahren.

Konsumenten rät Seiler Folgendes: «Bei dubiosen Anrufen von Callcentern lege ich einfach den Hörer neben die Station.»

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