Verjüngungskur fürs Mäuschen: Wie drei junge Menschen ein Bijou aus dem Jahr 1953 aufmotzten

Sie stehen kurz vor dem Abschluss als Automobil-Mechatroniker. Als Gesellenstück haben drei junge Männer sich in unbekannte Gefilde gewagt und dabei viel Zeit und Nerven investiert.

Iris Oberle
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Von links: Thomas Künzle, Besitzer des Topolino, Karim Fousseni, Claudio Oberle und Marco Schläpfer revidierten den Motor des 1953er Fiat Topolino.
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Der Motor wurde in Hunderte Einzelteile zerlegt.
Zunächst ging’s ans Ausbauen des Motors.
Das Zusammenbauen des Motors erwies sich schwieriger als gedacht.

Von links: Thomas Künzle, Besitzer des Topolino, Karim Fousseni, Claudio Oberle und Marco Schläpfer revidierten den Motor des 1953er Fiat Topolino. 

Ihr Herz schlägt für Motoren. Autos bestimmen seit bald vier Jahren ihren Arbeitstag. Meist sind es moderne Personenwagen, um deren Wohl sie sich kümmern, selten Wagen der Plastikjahre, kaum ältere. Die Herausforderung war also gross, als sich Karim Fousseni aus Rebstein, Claudio Oberle aus Walzenhausen und Marco Schläpfer aus Thal an ein Bijou des Jahres 1953 wagten.

Vertiefungsarbeit aus dem Geschichtsbuch

Im Rahmen des Qualifikationsverfahrens Allgemeinbildung mussten die drei Lernenden eine Vertiefungsarbeit verfassen. In der Themenwahl waren sie frei. Für die drei, die alle in Rheintaler Lehrbetrieben arbeiten, war schnell klar, dass es in irgendeiner Weise mit ihrer Arbeit zu tun haben sollte. Schliesslich wollten sie davon profitieren. Ein Reglement informierte über allgemeine Vorgaben und gesetzliche Rahmenbedingungen, die eingehalten werden mussten. So beispielsweise eine schriftliche Dokumentation, die ihnen viel abverlangen würde.

Als ihnen ein Bekannter vorschlug, den Motor seines 1953er Fiat Topolino zu restaurieren, ergriffen sie die Chance. Der Reiz, etwas für sie völlig Neues zu machen, war gross. Obwohl sie alle noch nie in Berührung mit einem Fahrzeug der Nachkriegszeit gekommen waren, trauten sie sich zu, die Herausforderung mit ihrem technischen Verständnis zu meistern.

Bijou mit Macken

Thomas Künzle, der Besitzer der kleinen italienischen Perle, hatte schon lange vor gehabt, den Motor seines Fiat Topolino fachmännisch revidieren zu lassen, zumal dieser – zwar wenig, aber ständig – Ölverlust beklagte. Im gleichen Zug sollte der Motor auf Bleifrei umgerüstet werden. Eine weitere Schwierigkeit für die drei Autofreaks.

Trotzdem hielten sie an ihren Zielen fest: einen fachmännisch komplett revidierten Motor zu präsentieren, der fortan bleifrei getankt werden konnte – ohne Ölverlust und mit einwandfreier Funktion. Eine gute Schulnote strebten sie ebenfalls an, wurde die Arbeit doch mit einem Drittel gewichtet.

Viel Zeit und Nerven investiert

Kühlergrill und Stossstange mussten weg, der Motor raus und in alle Einzelteile zerlegt werden. Da für das Umrüsten des Motors auf Bleifrei Spezialwerkzeug vonnöten war, entschieden sie sich, dies einer professionellen Werkstätte zu überlassen. Nach Feierabend brachten die drei den Motor ins Appenzellerland und nutzten die Gelegenheit für einen Rundgang durch die Firma. Mit dem Abteilungsleiter führten sie ein Interview, das sie in ihre Dokumentation einbringen wollten. Danach ging es ans Zusammenbauen des Motors mit all seinen Komponenten. Auf einem grossen Tisch hatten sie fein säuberlich alles platziert, Hunderte von Teilen lagen herum. Was nach komplettem Chaos aussah, hatte durchaus System. Schliesslich – nach wochenlanger Arbeit, Grübelei und strapazierten Nerven – hatten sie es geschafft. Zwar wollte das Mäuschen (wie Topolino auf Deutsch übersetzt heisst) nach vielen Versuchen erst mal nicht anspringen. Doch die drei schafften es, dem 18 PS starken Tierchen wieder Leben einzuhauchen.

Viel Lebensgepäck aufgeladen

Würden sie es wieder tun? «Ja klar», bestätigen alle drei, obwohl sie es sich einfacher vorgestellt hatten. Ihnen stand lediglich ein Handbuch von 1953 zur Verfügung, telefonische Hilfe von einem Ersatzteile-Lieferanten für Oldtimer und die Unterstützung des Besitzers, der technisch sehr versiert ist. Erschwert sei hinzugekommen, dass sie Spezialwerkzeuge beschaffen mussten, die heute nicht mehr in Gebrauch sind. Schwierig war es auch, gemeinsame Termine zu finden – nebst Trainings und weiteren Verpflichtungen.

Thomas Künzle ist froh, dass sein Topolino wieder läuft. Nicht immer war er überzeugt, dass es klappen würde. Und wie hat das Projekt schulmässig abgeschnitten? «Gut. Wir sind zufrieden. An der Dokumentation haben wir uns zwar fast die Zähne ausgebissen, aber der Lehrer war zufrieden», stimmen alle zu.

Diese Hürde haben die drei nun mit Bravour gemeistert, die nächste steht kurz bevor: Die Lehrabschlussprüfung. Wenn diese geschafft ist, schliessen Karim, Claudio und Marco nicht aus, wieder einmal ein solches Projekt durchzuführen. Die alte, einfache Technik hat sie begeistert. Vielleicht ist es auch einfach der Charme dieses hübschen, nostalgischen Klassikers, der sie verzaubert hat.