«Unternehmerischer Blödsinn»

Ein Bäcker in Oberuzwil will seine Brotpreise um 50 Prozent senken. Er argumentiert mit der fehlenden Kundschaft wegen des starken Frankens. Berufskollegen halten die Aktion jedoch für sinnlos und gefährlich.

Tim Naef
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Das Kilo Brot zum halben Preis: Aron Lehmann in seiner Backstube. (Bild: Benjamin Manser)

Das Kilo Brot zum halben Preis: Aron Lehmann in seiner Backstube. (Bild: Benjamin Manser)

NIEDERUZWIL. Ab September kostet bei Aron Lehmann das Kilo Ruchbrot nicht mehr 4.80 Franken, sondern nur noch 2.05. Sämtliche Brotpreise werden massiv nach unten korrigiert. Damit will der Bäckermeister aus Oberuzwil mehr Kunden für seine Bäckerei gewinnen.

«Unsere Kundenzahl ist stark rückläufig», sagte Lehmann im «Blick». «Immer mehr fahren zum <Posten> über die Grenze und kaufen dort beim Discounter gleich noch ihr Brot mit ein.» Die Preise würden auf Dauer bleiben. «Wir konnten die Produktion optimieren. Die Einsparungen stecken wir nun in tiefere Brotpreise. Ich will damit ein Zeichen im Markt setzen», sagt Lehmann. Was den Kunden freut, nimmt Lehmanns Bäcker-Konkurrenz mit Argwohn zur Kenntnis.

Eine Woche länger Ferien

«Die Preissenkung von Herrn Lehmann ist unternehmerischer Blödsinn und schadet sämtlichen Bäckereien», sagt Urs Köppel, Kantonalpräsident des Bäcker-Konditor-Verbands des Kantons Thurgau.

Das Argument mit der Produktionsoptimierung lässt er nicht gelten: «Es wäre etwas anderes, wenn Lehmann täglich tonnenweise Brot produzieren würde, und das habe ich ihm auch gesagt.» Köppel bat Lehmann, auf die Aktion zu verzichten. Dieser wollte aber nicht darauf eingehen. «Lehmann muss das selber wissen. Er wird sich damit aber selbst wegrationalisieren.» Dazu kommt, dass ab 1. Januar 2016 ein neuer Gesamtarbeitsvertrag in Kraft tritt, der jedem gelernten Bäcker eine fünfte Ferienwoche garantiert. «Dies entspricht einer Lohnerhöhung von rund 10,64 Prozent», sagt Köppel.

«Falsches Zeichen an Kunden»

Von anderen Ostschweizer Bäckern muss sich Lehmann ebenfalls Vorwürfe anhören. Die Kritik lautet unisono: Die Aktion schadet den Bäckern allgemein. «Es ist ein falsches Zeichen an die Kundschaft und ein völlig falscher Ansatz», sagt Patrick Schwyter, Geschäftsleiter der Bäckerei Schwyter in St. Gallen. «Die Preise sind nicht einfach aus dem Hut gezaubert. Mit dieser Aktion wird dem Kunden ein völlig falsches Bild über das Zustandekommen des Brotpreises suggeriert.» Brotbacken sei viel Handarbeit, sprich: ein grosser Aufwand. Mit dem Preis müssten die Personalkosten, die Rohstoffe usw. bezahlt werden. «Ein Bäcker kann und darf nicht über die Preisschiene mit Discountern oder dem Ausland konkurrieren – er muss dem Kunden vielmehr einen Mehrwert bieten. Sei dies durch freundliches Personal, gute Qualität oder tägliche Frische», sagt Schwyter.

Gleicher Meinung ist Alfred Sutter, Mitinhaber der Böhli Bäckerei-Confiserie AG in Appenzell. «Die Margen auf die einzelnen Brote sind nicht willkürlich gesetzt. Wir bezahlen 50 Prozent Lohnkosten». Das sich die Optimierungen in Lehmanns Betrieb derart stark auf die Preise auswirken, hält Sutter für unmöglich. «Einzige Möglichkeit ist, dass er auf eine maschinelle Produktion umgestellt hat.» Für Sutter ist der Fall klar: «Die Preissenkung ist einzig und allein eine Marketingstrategie.»