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Unter Beobachtung

Cannabidiol (CBD) boomt, die Hanfprodukte sind hierzulande legal verkäuflich. Marco Gerevini verkauft CBD-Artikel. Er stand früher deswegen unter Beobachtung und mehrfach vor dem Richter.
Kurt Latzer
Marco (Capo) Gerevini beschränkt sich heute auf legale CBD-Artikel, die seine Gäste im Restaurant vor Ort probieren können. Wie nach dem Genuss von ein paar Flaschen Bier, darf man auch nach dem Genuss von CBD nicht mehr Autofahren. (Bild: Kurt Latzer)

Marco (Capo) Gerevini beschränkt sich heute auf legale CBD-Artikel, die seine Gäste im Restaurant vor Ort probieren können. Wie nach dem Genuss von ein paar Flaschen Bier, darf man auch nach dem Genuss von CBD nicht mehr Autofahren. (Bild: Kurt Latzer)

Kurt Latzer

Kleine Tischli und eine Bank vor der Tür, nebenan eine hölzerne Sitzgarnitur. Ein paar Gäste geniessen die Herbstsonne, den Kaffee oder das Bier, das ihnen Marco Gerevini serviert hat. Dort, wo bis Ende der 1990er-Jahre Leute Elektrikprobleme an ihren Autos beheben liessen, ist Gerevinis Restaurant mit CBD- und Grow-Shop untergebracht.

Die Gäste unterhalten sich über dieses und jenes, am Ende über Hanf. Es sind etwas ältere Semester, die am Tischchen sitzen. Sie reden nicht übers Kiffen und den Drogenkonsum generell. Von der Kulturpflanze Hanf ist die Rede. Es ist spannend, sich mit dem Beizer und Shopbetreiber, den alle Capo rufen oder gar nur unter diesem Namen kennen, zu unterhalten. Der Gastgeber hat bewegte 20 Jahre hinter sich, hat so ziemlich alle Höhen und Tiefen erlebt, die mit Hanf und dessen Handel zu tun haben. Aus der sozialen Unterschicht – «der Harz-4-Liga», wie sie Capo nennt – ist der Rheinecker Ende der 1990er-Jahre zum Geschäftsmann avanciert.

Nach fünf Monaten war erst einmal Schluss

«Mit einer einmaligen Finanzspritze bin ich bei einem Hanf­laden in St. Gallen eingestiegen», sagt Capo. Es sei 1997 einer der ersten Hanfläden im Kanton St. Gallen gewesen. Später folgten zwei weitere Läden, zuerst einer in Buchs, einige Zeit später einer in Rheineck. Lange aber sei die Sache nicht gut gegangen. «Am 7. November 1997 habe ich den Laden in Buchs eröffnet. Fünf Monate später haben die Behörden in einer gross angelegten Aktion gleichzeitig in allen Hanfläden im Kanton Razzien durchgeführt», sagt Capo.

Alles, was in irgendeiner Form fragwürdig oder nicht fragwürdig war, habe die Polizei eingezogen: sogar Kosmetikartikel, Tee, Lebensmittel mit Hanfanteilen sowie Hanf- und Duftkissen.

Läden mehrmals geräumt und Kassen geleert

Nach den Beschlagnahmen folgten die ersten Einvernahmen und schliesslich Verurteilungen. Der St. Galler Geschäftspartner habe sich damals als erster bis vor Bundesgericht gegen den Entscheid zur Wehr gesetzt. «Mein Glück war, dass ich damals erst sehr kurze Zeit ins Hanfgeschäft involviert war», sagt Capo. Deshalb sei er als «nicht schwerer Fall» eingestuft worden. Entsprechend mild sei die Strafe ausgefallen. Mit den Rekursen vor Bundesgericht habe das Ganze fast drei Jahre lang aufschiebende Wirkung gehabt, während der Rheinecker und seine Partner munter weitergeschäftet hätten.

Hanf sei damals von der Politik dermassen tabuisiert worden, dass bei den meisten der 400 Artikel im Sortiment nur der Cannabis-Blütenanteil interessierte. Capo steht zu seinen damaligen Vergehen, seine Strafen sind verjährt. Als nicht gerechtfertigt und übertrieben bezeichnet er die Aktionen der Behörden. «Bis ich den Shop in Buchs zugesperrt habe, musste ich mindestens 30 Razzien über mich ergehen lassen», sagt der Rheinecker. Bei den Durchsuchungen habe die Polizei jedes Mal die Ware beschlagnahmt und die Kasse geleert.

Rheinecker Laden im Auge behalten

Nach dem definitiven Entscheid des Bundesgerichts habe er 2002 das Geschäft in Buchs endgültig schliessen müssen. Als das Bundesgericht die ersten Urteile bestätigt hatte, wurde Marco zum zweiten Mal verurteilt. Aus dem Gefängnis heraus – Marco war damals in Halbgefangenschaft – eröffnete er einen Shop mit Grow-(Gras)Artikeln in Rheineck.

«Wir führten damals alle legalen Artikel für Indoor-Anlagen wie Lüftungen, Lampen und natürlich auch Stecklinge und dergleichen. Von den Waren und dem Bargeld, das bei allen Razzien eingezogen wurde, hat der Rheinecker nie wieder etwas gesehen. Wie viel eingezogen wurde, konnte die Behörde nicht mehr nachvollziehen, weil nicht alle Sachen in der Anklageschrift minutiös aufgeführt waren. «Ich galt zu der Zeit immer als Grenzwertiger, stand unter Beobachtung», sagt Capo.

Letzteres kann man noch heute nachlesen: Der amtierende Rheinecker Stadtpräsident Hans Pfäffli sagte 2002 in einem Interview mit dem «Rheintaler»: «Wir haben den Laden immer im Auge behalten.» Die Firma Asia Direktimport mit Gartenanbau-Artikeln hat Gerevini bis vor etwa drei Jahren geführt. Seine wirtschaftliche Situation habe ihn 2015 ermuntert, ein Restaurant zu eröffnen. Am heutigen Standort, schräg vis-à-vis des Bahnhofs, habe er zuerst eine kleine Gartenwirtschaft, später das Lokal im Haus eröffnet.

«Am 1. November feiern wir die Wiedereröffnung des Grow-Shops und des CBD-Shops unter dem Dach des ‹Picobello Grüppli›», sagt Marco (Capo) Gerevini. Im Gegensatz zu früher und dank der Legalisierung von CBD braucht er sich heute vor Razzien und dem scharfen Blick des Stadtpräsidenten nicht mehr zu fürchten. Ärgern tut sich Marco trotzdem ein wenig. In der Schweiz ist Hanf mit einem THC-Gehalt von unter einem Prozent frei handelbar. «Natürlicher Hanf, wie man ihn schon vor über 5000 Jahren kannte, entwickelt einen THC-Gehalt von 0,7 bis allerhöchstens 1,5 Prozent», sagt der Grow-Shop-Besitzer. Um mehr sei es bei seinen Artikeln – von Salben über Tinkturen und anderem – nie gegangen.

Auch wenn CBD frei verkauft und konsumiert werden darf: Autofahren ist nach dem Genuss von Cannabidiol-Zigaretten und ähnlichem verboten. «Wir werden den Laden weiter im Auge behalten», sagt Hans Pfäffli, Stadtpräsident von Rheineck, 15 Jahre nach seinem letzten In­terview, zum Shop von Marco Gerevini.

Naturheil-, Teufels- und Hexenmittel

Die ab 1951 durch den Staat unter Kuratel gestellte Pflanze und deren Wirkstoffe nutzen Menschen seit über 5000 Jahren. Nicht allein wegen der Gebrauchsgegenstände, die aus seinen Fasern hergestellt wurden, war Hanf beliebt. Im Mittelalter verbannte die Kirche – allen Vergnügungen feindlich gesinnt – Cannabis der berauschenden Wirkung wegen aus der Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert erreichte die Hanfproduktion ihren Zenit und brach im 20. Jahrhundert wegen der Baumwolle und später wegen den Kunstfasern zusammen. Die strengen Gesetze gegen Cannabis stammen aus den USA und wurden von der Schweiz übernommen. Im Januar 1920 wurde in den USA der Konsum und Handel von Alkohol verboten (Prohibition). Während sich die Oberschicht weiterhin auf illegalem Weg beschafften Alkohol leisten konnte, wich die ärmere Bevölkerung immer mehr auf Marihuana aus. 1933 fiel die Prohibition, Alkohol war wieder erlaubt und Cannabis wurde verboten. Heute wird Hanf als natürlicher Rohstoff bei der Herstellung von Produkten wie Speiseöl, Reinigungsmitteln, Kosmetika, Tinkturen, Kleidern und Papieren verwendet. (kla)

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