«Unsere Lebensgrundlage wird erneuert»: Internationale Rheinregulierung informiert Gemeindevertreter über das Projekt Rhesi

Das Grossprojekt Rhesi hat im Jahr 2011 mit einer Machbarkeitsstudie begonnen. Zurzeit läuft das Genehmigungsprojekt. Ein exakter Zeitplan für die weitere Entwicklung existiert nicht.

Yves Solenthaler
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So verändert sich der Rhein: In der Visualisierung einer Luftaufnahme von 2015 vom Abschnitt beim Grenzübergang Kriessern–Mäder sieht man den Verlauf nach Fertigstellung von Rhesi, im gelben Rahmen unterlegt ist der aktuelle Verlauf sichtbar.

So verändert sich der Rhein: In der Visualisierung einer Luftaufnahme von 2015 vom Abschnitt beim Grenzübergang Kriessern–Mäder sieht man den Verlauf nach Fertigstellung von Rhesi, im gelben Rahmen unterlegt ist der aktuelle Verlauf sichtbar.

Bild: Visualisierung von Planergemeinschaft Zukunft Alpenrhein/M

«Der Staatsvertrag von 1892 zur Rheinregulierung bildet die Grundlage unseres Lebens am Rhein», sagt der Auer Ge­meindepräsident Christian Sepin nach dem Werkstattbericht über Rhesi (Rhein – Erholung und Sicherheit) in Mäder. Mit Rhesi soll die Lebensgrundlage rund 125 Jahre später gesichert und angepasst werden. Das Grossprojekt hat im Jahr 2011 mit einer Machbarkeitsstudie begonnen. Zurzeit läuft das Genehmigungsprojekt. Ein exakter Zeitplan für die weitere Entwicklung existiert nicht. Eine Fertigstellung in einem Vierteljahrhundert würde einer schnellen Marschtabelle entsprechen.

Rhesi will, verkürzt gesagt, dem Rhein etwas zurückgeben, das ihm genommen wurde. Ohne, dass er wieder zur lebensfeindlichen Bedrohung wie bis zum 19.Jahrhundert wird – und er soll weiter die Anrainer versorgen. «Mein zentrales Anliegen ist, dass die Trinkwasserversorgung gewährleistet ist», sagt Christian Sepin. Mit den aktuell vorgesehenen Massnahmen sei das der Fall. Aber das Projekt bleibt verhandelbar; Sepin hat Bedenken wegen des Drucks der Umweltverbände.

«Trinkwasserversorgung mit Drainage nicht kritisch»

Darauf ging ETH-Professor Wolfgang Kinzelbach in seinem Fachvortrag «Interaktion Fluss und Grundwasser» ein. Er sprach von innerer und äusserer Kolmation (Verstopfungen bzw. Ablagerungen durch Sedimente) und über die Verteilung von Austauschverhältnissen. Kinzelbach schlussfolgert, dass ein Widerspruch zwischen Renatu­rierung und Trinkwasserversorgung existiere, aber nicht kri­- tisch sei. Denn mit Draina­gemöglichkeiten könne der Grundwasserkörper gesteuert werden. Auch die Trinkwasserqualität könne, wie zum Teil heute schon, durch Vorhaltung einer Desinfektionsanlage gewährleistet werden.

Urs Kost, Vorsitzender der Gemeinsamen Rheinkommission, erwähnte zur Begrüssung den Wetterbericht: «In der Nacht auf Samstag und am Vormittag fällt verbreitet Regen.» Alarmzustand für den Hochwasserschutz. Der Schutz vor der «Rhein-Not», wie die Menschen früher das Hochwasser nannten, ist ein zentraler Aspekt. Und er nahm in Mäder eine zentrale Rolle ein, wie auch Kenneth Dietsche von OePlan, Landschaftsarchitekten in Altstätten, bemerkte: «Wir haben jetzt zwei Stunden lang vom Rhein als Bedrohung gehört, dabei ist er doch ein wichtiger Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen.»

Über den Damm als Inbegriff des Hochwasserschutzes sprach Reinhard Schult von der Geoconsult in Wien. Mit Dämmen am Rhein wird das Vorland vor Überflutung geschützt und mit Aussendämmen das Hinterland gesichert. Auf rund 14 Kilometern (23% der Gesamtstrecke von 61km) ist ein Neubau von Dämmen vorgesehen. Der Bau soll etappiert von Abschnitt zu Abschnitt erfolgen. Dabei müssen über 3 Mio. m3 Materialien hin- und hergekarrt werden.

Kenneth Dietsche referierte über den Lebensraum Alpenrhein. Der Fluss bekommt mehr Platz, dadurch wird er auch Raum für Tiere bieten. Bauliche Anpassungen sollen das Gewässer für Brutvögel oder Wildbienen, Flusskrebse oder Wasserpflanzen attraktiver machen. Auch für Velofahrer oder Wanderer soll das Rheinufer einladend sein. Mehr Verweilräume, bessere Wegführung und Trennung von Schnellvelofahrern und Wanderern sind Stichworte. Für die Biodiversität sind Abschnitte geplant, in denen die Natur den Vorrang hat.

Im Genehmigungsprojekt – in dem Rhesi zurzeit steckt – ist die Projektoptimierung nach über 200 Hinweisen von Anrainergemeinden abgeschlossen. Nun beginnt die politische Knochenarbeit. Beim Staatsvertrag sieht’s gut aus, der Richtplan­eintrag im Kanton St.Gallen ist ebenfalls auf Kurs. Ab Januar sollen öffentliche Infoveranstaltungen stattfinden. Gesamtprojektleiter Markus Mähr kann schon abschätzen, woher die Widerstände kommen: «Die Umweltverbände machen Druck, für sie geht die Renaturierung zu wenig weit. Und Vertretern der Landwirtschaft geht die Renaturierung zu weit.» Für ihn ist klar: «Wir haben einen guten Weg zwischen diesen beiden Polen gefunden.»