Unkompliziert, aber überzeugend

Gleich zweimal führte der Orchesterverein Widnau sein diesjähriges Adventskonzert auf. Ob in St. Margrethen oder in Widnau: Der Applaus des begeisterten Publikums war den Musikern gewiss.

Gerhard Huber
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Dirigent Stefan Susana führte seinen Orchesterverein Widnau sicher durch das anspruchsvolle Programm. (Bild: Ulrike Huber)

Dirigent Stefan Susana führte seinen Orchesterverein Widnau sicher durch das anspruchsvolle Programm. (Bild: Ulrike Huber)

Konzerte mit klassischer Musik sind in unserer Region einfach anders. Anders als in grösseren Städten erscheint das Publikum nicht im Anzug mit Hemd oder in der edlen Robe. Nein, man sitzt auch am Sonntag in winterlicher Alltagskleidung, in Anoraks oder Parkas mit Jeans in zu Konzerträumen umfunktionierten Kirchen.

Ein Grund dafür mag sein, dass es kaum einen Konzertsaal mit Garderoben gibt. Aber es ist sympathisch, es ist gemütlich und macht den Zugang zur Klassik niederschwellig. Und noch etwas ist anders: Wo sonst bringen die Besucher kleine Kinder zu einem klassischen Konzert mit? Ganz so, wie es am Samstag beim Adventskonzert des Orchestervereins Widnau in St. Margrethen geschehen ist. Das Gebrabbel in den Bankreihen störte aber nicht, es brachte das Publikum vielmehr zum Schmunzeln.

Da passte es ja, dass als Clou des Abends Mozarts Frühwerk Kassation in D-Dur, KV 63, gespielt wurde, das der grosse Meister bereits im zarten Alter von zwölf Jahren komponiert hatte.

Einmaliger Zauber und fröhliche Leichtigkeit

Mit grossem Körpereinsatz dirigierte Stefan Susana seine Musiker und schöpfte die Fähigkeiten des Klangkörpers voll aus. Der erstmals als Konzertmeister fungierende Camillo Sanchez Gomez führte seine Kollegen als Primgeiger durch den anspruchsvollen Abend. Und da war er dann auch wieder, der einmalige Zauber, die fröhliche Leichtigkeit, die durch die meisten Werke von Wolfgang Amadeus Mozart weht. Die verspielten Melodien faszinierten auch die jüngsten Zuhörer, die eine Zeit lang ganz auf ihre Kommentare verzichteten und mit grossen runden Augen dem Geschehen folgten.

Sehr schön gespielt war dann der Canon in Dur des Nürnberger Barockkomponisten Johann Pachelbel. Es ist ein Stück, das in zahllosen Aufnahmen, Versionen und Bearbeitungen existiert. Die wundervolle, erhabene, elegante Harmonie-Folge dieser Komposition wurde quer durch alle Musikrichtungen immer wieder verwendet. Das Stück basiert auf einer permanent wiederholten Bassfigur. Dazu kommt auch die als Pachelbel-Schema bezeichnete zweitaktige Akkordfolge, den Parallelismus, der insgesamt 28-mal wiederholt wird.

Musik, die die Gedanken zum Fliegen und die Seele zum Schwingen bringt.

Cross-Over von allem Schmalz befreit

Der Orchesterverein wagte sich dann auch an Cross-Over-Musik. Und machte die Sache sehr gut. Denn aus dem meist verkitschten und verschmalzten «You Raise Me Up» des Norwegers Rolf Lovland, das in zahlreichen Versionen die Hitparaden eroberte, löste Dirigent Stefan Susana sämtliche Süssigkeit heraus und liess nur die klare und stringente Melodie übrig.

Ähnlich agierte er beim dieses Jahr offensichtlich in kei­- nem Adventskonzert fehlen dürfenden «Halleluja» des kanadischen Grantel- und Brumm-Barden Leonhard Cohen. Auch dieser Song wurde einer wohltuen­- den Schlankheitskur unterzogen und damit für die weniger dem Populär-Weihnachtsgeschmalze geneigten Zuhörer erträglich gemacht.

Einen furiosen Abschluss des Konzertes gab das mit Standing Ovations gefeierte reine Streichorchester mit dem Weihnachtskonzert aus dem Concerto grosso, Op.6 No. 8, des italienischen Barockmusikers und Wegbereiters des modernen Violinspiels, Arcangelo Corelli. Eine anspruchsvolle Komposition, der man anhören konnte, welch hohe qualitative Massstäbe Corelli an sich selbst stellte. Und deren Schwierigkeiten die Musiker des Orchestervereins scheinbar mühelos bewältigten.