Über die Verhältnisse gelebt

Der über zwölf Jahre erfolgreiche Autoverkäufer war 2005 zum Verkaufsleiter befördert worden. Kurz darauf betrog er seinen Arbeitgeber innert eines Jahres um rund 160 000 Franken.

René Schneider
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Rheineck. Das Kreisgericht Rheintal verurteilte gestern einen 49-jährigen Rheintaler zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren. Wegen Veruntreuung, ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung. Der Mann entschuldigte sich vor Gericht für seine Vergehen. Aber er relativierte: Er habe «während 13 Jahren über oft 14 Stunden am Tag» sich für seinen Arbeitgeber eingesetzt. Und er habe inzwischen mehr als 130 000 Franken Schulden zurückbezahlt.

Der Verteidiger des Angeklagten erklärte, der Arbeitgeber des Mannes sei mitverantwortlich für die hohen Verluste. Mit einem korrekten Controlling wären die Verfehlungen seines Mandanten gar nicht möglich oder aber viel schneller entdeckt worden.

Der Verkäufer hatte Barzahlungen von Kunden nicht oder nicht im vollen Umfang an seinen Arbeitgeber weitergeleitet, auf eigene Rechnung Autos verkauft, die ihm nicht gehörten, bei Eintauschgeschäften geschummelt, Belege angeblicher Überweisungen gefälscht.

«Seinen» Kundenstamm hatte er ausgebaut (und dabei Provisionen für sich erwirkt), indem er ihnen zulasten des Arbeitgebers spezielle Rabatte oder Zusatzleistungen gewährte.

«Per Saldo aller Ansprüche»

Schäden über rund 130 000 Franken hatte der Mann nach seiner «Enttarnung» dem Arbeitgeber gegenüber bald einmal zugegeben und später zurückbezahlt. Vertraglich wurde darauf gegenseitiges Stillschweigen «per Saldo aller Ansprüche» vereinbart. Bald kamen aber weitere Verfehlungen und Löcher in der Firmenkasse zum Vorschein. Verteidiger und Angeklagter sind der Meinung, dieser Betrag und diese «Positionen» seien in der vertraglichen Regelung enthalten. Die Arbeitgeberin kam sich geprellt vor und reichte trotz der Abmachung eine Klage ein.

«Ausschweifender Lebensstil»

Der Angeklagte wusste keine Antwort auf die Frage des Richters nach dem Grund für seine Betrügereien. Die anklagende Untersuchungsrichterin vermutete den «ausschweifenden Lebensstil» als Grund für die Verfehlungen des Rheintalers. Dieser hatte wegen seines Verkaufstalents (inklusive Provisionen) über Jahre regulär zwischen 120 000 und 150 000 Franken pro Jahr verdient. Nach dem fristlosen Rausschmiss bei der St. Galler Autohandelsfirma fand der Mann bald eine neue Stelle – bei einem Autohändler im Fürstentum Liechtenstein. Auch dort wurde er nach kurzer Zeit fristlos entlassen. Zum Entlassungsgrund schwieg er vor Gericht. Die Anklägerin wusste von mutmasslichen Betrügereien auch bei diesem Arbeitgeber.

Aktuell lebt der Autoverkäufer von 7000 Franken monatlichem Arbeitslosengeld. Er hat sein Haus verkauft, ist geschieden und lebt von Ex-Frau und Kindern getrennt. Aber er habe eine neue Stelle gefunden, sagte er dem Gericht. Er wird bald bei einer weiteren Autogarage arbeiten – in einer anderen Region des Kantons.

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