Aus christlicher Sicht: Über die Kraft der Hoffnung

Der Sommer weicht dem Herbst – und dieser ist eine Zeit des Mahnens. Doch diese Jahreszeit zeigt auch: Selbst in schwierigen Situationen und in Abschiedsschmerz will Neues entstehen.

Armin Scheuter
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Wir nehmen die verfärbten Blätter als ein letztes Aufbäumen gegen das Unausweichliche wahr. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Wir nehmen die verfärbten Blätter als ein letztes Aufbäumen gegen das Unausweichliche wahr. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Wir alle kennen die Melancholie des Herbstes. Das Fallen der welken Blätter mahnt uns an den Weg alles Irdischen – an die Vergänglichkeit. Das Grün der Wiesen, Bäume und Büsche wandelt sich zu Braun-, Rot- und Gelbtönen. Das furiose Farbenfeuerwerk der Natur kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Kahlheit des Winters enden wird. Wir nehmen es eher als ein letztes Aufbäumen gegen das Unausweichliche wahr. Die Sonne verliert ihre Kraft – und die Kälte treibt uns in die Häuser.

Der Herbst macht deutlich, dass die Leichtigkeit des sommerlichen Lebensgefühls immer wieder ihr Ende finden muss. Nicht umsonst liegt das Gedenken an unsere Toten in dieser Jahreszeit. «Tempus flendi et tempus ridendi», heisst es in der Bibel beim Prediger Kohelet – es gibt eine Zeit des Weinens und eine Zeit des Lachens.

Dass der Herbst auch eine Zeit des Mahnens ist, wird ebenfalls durch die Evangelientexte der katholischen Leseordnung in den Gottesdiensten betont. Da­rin ist von Entscheidung, Höllenstrafen und der Königsherrschaft Gottes, dem Reich Gottes, die Rede. Krise und Glauben sind demnach zwei Seiten der gleichen Münze. Nicht umsonst bedeutet das Wort Krise auch Wendepunkt. Es liegt an uns, welchen Weg wir einschlagen. Wir sind keine Marionetten Gottes, und Gott will seine Königsherrschaft jetzt, hier auf Erden, mit uns zusammen errichten. Der Herbst steht bei uns Menschen für den Schmerz des Abschieds und der Veränderung.

Aber haben Sie schon einmal bemerkt, was unter dem Herbstlaub an den Zweigen ist? Die Lyrikerin Hilde Domin drückt es so aus: «Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.» Das Sterben eines Blattes und die darunter sich bildende Knospe voller Leben weisen uns darauf hin, dass selbst in schwierigen Situationen, in Phasen der Traurigkeit oder Krankheit, in einem Abschiedsschmerz etwas Neues entstehen will. Die Blatt- und Blütenknospe unterm Herbstlaub will sagen: Trotz aller Wehmut über die Vergänglichkeit und obwohl wir keinen Augenblick des Glücks festhalten können, gibt es die Kraft der Hoffnung.

Sogar im Sterben, in unserem letzten Loslassen, am grössten Wendepunkt unserer Existenz, kann dieses Wunder der Natur uns sagen: Tod und Neubeginn liegen beieinander. Denn das wunderbarste Geheimnis unseres Glaubens lautet: Im Tod ist das Leben. Darum lassen mich als Christ mein Vertrauen und mein Lebensmut nicht verzweifeln, denn sie werden letztlich genährt aus meinem Glauben an die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und zu uns Menschen.