Traurig, aber nicht dramatisch

Die Zahlen der kürzlich veröffentlichten Bevölkerungsstatistik zeigen, dass der katholischen Kirche die Gläubigen davon- laufen. Dekan Josef Benz vom Dekanat Altstätten nimmt dazu sowie zu anderen kritischen Fragen Stellung.

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Der Bernecker Pfarrer Josef Benz ist Dekan des Dekanats Altstätten. (Bild: Susi Miara)

Der Bernecker Pfarrer Josef Benz ist Dekan des Dekanats Altstätten. (Bild: Susi Miara)

Kürzlich haben Sie in einem Interview gesagt, letztes Jahr seien im Rheintal auffallend viele Kirchenaustritte zu verzeichnen gewesen. Was ist auffallend viel? Von welcher Zahl sprechen wir?

Pfarrer Josef Benz: Es sind etwa doppelt so viele wie in anderen Jahren. Per 31. Dezember 2009 wurden im Kanton St. Gallen 1500 Austritte registriert. Im Jahr 2010 war diese Zahl Ende Mai bereits zu zwei Dritteln erreicht. Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle war ein Grund, der diese Austrittswelle ausgelöst hat, dies obwohl in unserem Bistum keine aktuellen Fälle bekannt wurden. Trotzdem leiden auch Pfarreien, die nichts dafür können, darunter.

Sind es eher junge Menschen oder auch ältere?

Benz: Es sind weniger ältere Menschen. Meistens sind es Menschen, die im Arbeitsprozess stehen.

Sie sagen, dass nur wenige aus finanziellen Gründen aus der Kirche austreten. In Berneck bezahlen z. B. Katholiken bei einem steuerbaren Einkommen von 70 000 Franken immerhin 660 Franken Kirchensteuern. Ist dies nicht einer der Hauptgründe für die Austritte?

Benz: Nein, aber sicher die letzte Konsequenz. Es fällt auf, dass nachdem die Steuerrechnungen verschickt werden, sich die Kirchenaustritte häufen. Es ist einer von vielen Gründen, die «das Fass zum Überlaufen bringen». Die Arbeitssituation und die Konjunktur spielen hier auch eine Rolle. Die Kirchensteuer ist sicher ein Posten, wo man sparen kann.

Sie behaupten auch, dass die religiöse Bindung zur Institution nicht mehr vorhanden ist. Was meinen Sie damit?

Benz: Die Verbindlichkeit, die früher durch die soziale Situation vorhanden war, die gibt es nicht. Wer früher am Sonntag den Gottesdienst nicht besuchte, war ein Aussenseiter. Der soziale Druck war früher grösser. Das Treibhaus-Christentum im geschützten Rahmen gibt es nicht mehr. Heute muss sich jeder zu seiner persönlichen Bekenntnis durchringen. 80 Prozent der Bevölkerung sind heute noch überzeugt, dass die Kirche nötig ist. 90 Prozent bezeichnen sich als religiös. Viele haben aber ihre eigene Religiosität.

Warum fehlt diese Bindung?

Benz: Das ist ein allgemeines, gesellschaftliches Problem. Nicht nur die Kirche, sondern auch Vereine haben Probleme. Früher ist man mit dem Zug mitgefahren. Heute steigt man aus und wieder ein, so wie es einem gefällt. Jeder sucht sich aus, wie und mit wem er seine Zeit verbringen will und welche Dienstleistungen er in Anspruch nehmen will. Ausserdem fehlt das geistige Fundament. In den letzten 40 Jahren fand ein enormer Wandel statt. Anderseits ist diese Situation aber auch wertvoll. Wir haben Menschen, die sich entschieden haben, zur katholischen Kirche zu gehören und nicht einfach dabei sind, weil es sich so gehört.

Die Kirche kann Kinder und Jugendliche noch am besten erreichen. Bei der freiwilligen Firmung ab 18 verliert man aber schon früh den Kontakt zu der wichtigsten Gruppe. War diese Entscheidung nicht falsch?

Benz: Erfahrungen in der Diözese zeigen das Gegenteil. Man bleibt sogar länger mit jungen Menschen in Kontakt. Früher wurde man in der 5. Klasse gefirmt. Nach der Schule brach der Kontakt zur Kirche dann ab. In der Firm-Vorbereitung können wir die Jugendlichen in einer schwierigen Phase weiter begleiten. Diejenigen, die zur Firmung kommen, kommen aus eigenem Antrieb. Bei uns finden die ersten Firmungen ab 18 erst nächstes Jahr statt. Wir haben hier noch keine Erfahrungen.

Der obligatorische Religionsunterricht wird von Laien erteilt, die pädagogisch nicht so gut geschult sind. Die Jugendlichen nutzen dies aus, die Lehrpersonen reagieren mit Strafaufgaben und härteren Massnahmen. Macht das die Kirche und Religion nicht unsympathisch?

Benz: Unsere Katecheten haben wohl eine pädagogische Ausbildung. Nicht nur sie, sondern auch die Lehrer haben heute mit den Schülern Probleme. Ausserdem kommt man trotz einer schlechten Religions-Note in die Sek. Ich bin überzeugt, dass bei den jungen Menschen trotz allem vom Religionsunterricht etwas hängen bleibt. Oft kann man sich später noch daran erinnern, was der Religionslehrer damals gesagt hat.

Diverse Vorfälle mit Priestern und negative Schlagzeilen lassen Gläubige an der Institution Kirche zweifeln. Wie wirken Sie dagegen?

Benz: Selbstverständlich beziehe ich Stellung, wenn ich angesprochen oder eingeladen werde, etwas dazu zu sagen. Gott sei Dank ist in unserem Bistum in letzter Zeit nichts passiert. Traurig finde ich, dass viele Menschen der Kirche nicht zutrauen, dass sie etwas dazu gelernt hat. Persönlich kann ich nur ein gutes Beispiel sein und zeigen, dass die grosse Mehrheit der Priester anders ist.

Von dieser Situation profitieren unter anderem Sekten. Diese holen immer mehr Menschen ab. Ist das nicht gefährlich?

Benz: Im Rheintal gibt es viele solche Gruppierungen. Dort sind die Regeln und Vorgaben aber viel strenger als bei uns. Das war früher in unserer Kirche auch so. Menschen, die sich solchen Gruppierungen anschliessen, suchen nach klaren Regeln. Es ist möglich, dass sie solche Strukturen brauchen. In der katholischen Kirche gibt es heute mehr Freiheiten.

Was unternimmt die katholische Kirche, um ihre Institution wieder attraktiv zu machen?

Benz: Positives in den Vordergrund stellen und Freude am Glauben vermitteln. Wahrscheinlich tut die katholische Kirche noch immer zu wenig. Es ist aber auch nicht leicht. Viele wissen gar nicht, dass die Kirche viele soziale Aufgaben mitträgt. Wenn die Kirche dazu die finanziellen Mittel nicht mehr hat, können diese Aufgaben nicht mehr erfüllt werden.

Sie weisen auch auf Konsequenzen hin. Mit welchen Konsequenzen muss ein Katholik rechnen, wenn er aus der Kirche austritt?

Benz: In erster Linie ist es eine Frage der Solidarität. Uns ist klar, dass viele Gläubige nicht aktiv mitmachen. Jeder Verein aber ist auch froh, Passivmitglieder zu haben. Erst wenn man drei Monate lang alle Dienstleistungen der Kirche einstellen würde, würde man merken, wie viel sie überhaupt tut. Man merkt erst, wie wichtig etwas ist, wenn man es nicht mehr hat. Auch wenn jemand aus der Kirche austritt, wird ihm die Notfallseelsorge nicht verweigert. Trotzdem sollte man sich nicht alles gratis abholen. Das ist den anderen gegenüber nicht gerecht.

Interview: Susi Miara

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