Top ist es dort, wo Regtop arbeitet

Der frühere Fussballprofi Erik Regtop ist im Rheintal zum Trainer gereift. Sowohl bei Altstätten als auch bei Montlingen spielte der Niederländer noch mit, beim SC Brühl in der 1. Liga dirigiert er seine Spieler nur noch von aussen. Den Spieler Regtop gibt es nicht mehr, geblieben ist sein Erfolg.

Yves Solenthaler
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Erik Regtop will mit Brühl an der Spitze bleiben.

Erik Regtop will mit Brühl an der Spitze bleiben.

Fussball. Vor elf Monaten befand sich der SC Brühl in der 2. Liga interregional auf Aufstiegskurs. Dann gab der Verein überraschend bekannt, die Zusammenarbeit mit Trainer Gàbor Gerstenmaier nach der Saison zu beenden. Zum Nachfolger erkoren wurde Erik Regtop, damals mit dem FC Montlingen im Aufstiegsrennen der 2. Liga.

Einmalige Erfolgsbilanz

Nun waren Regtops Erfolge als Trainer offenkundig. Aus dem Drittligisten Montlingen machte er in nur drei Saisons ein Zweitliga-Spitzenteam. In seinen fünf Trainerjahren im Rheintal beendete er viermal eine Saison auf dem ersten oder zweiten Rang. Skeptiker gab es im Rheintal dennoch: Regtop war nämlich selbst noch aktiv und auch als über 40-Jähriger herausragend in der 2. Liga. Trotz vermindertem Laufpensum sollen die Torhüter jeweils vor Spielen gegen Regtop Albträume gehabt haben, von ihm überlobbt zu werden. Die «Briefkasten-Tore» waren seine Spezialität. Und deshalb sagten viele, der Trainer Regtop sei vor allem dank dem Spieler Regtop erfolgreich.

Dazu kam, dass seine Auffassung des Spiels – das sich in der holländischen 4-3-3-Aufstellung spiegelt – im Rheintal nicht bekannt gewesen ist. Das Oberrheintal ist britisch geprägt, das Unterrheintal eher lateinisch, überall schlummern deutsche Tugenden. Aber die niederländische Fussballschule war hier inexistent. So sah man die defensive Anfälligkeit des 4-3-3, wenn das Mittelfeld seine Rolle ungenügend interpretierte. Die offensiven Möglichkeiten, die sich bei Montlingen in der 3. Liga mit mehr als 100 Meisterschaftstoren in einer Spielzeit zeigten, schrieben nicht wenige wiederum dem Spieler Regtop zu.

Dabei gab es zuhauf Anzeichen, den inzwischen 43-Jährigen als Trainer hoch einzuschätzen. Ein möglicher Beleg ist seine Profikarriere. Regtop war kein Musterschüler, in seinen Mannschaften – so auch in St. Gallen Ende der 90er-Jahre –, aber stets ein Leader. Er trieb die Espen an, einen torgefährlicheren Mittelfeldspieler hat St. Gallen nach ihm wohl nicht mehr gehabt. Auf dem Platz war sein Umgang mit den Spielern mitunter schroff, aber nie war eine Kluft zwischen dem Ex-Profi und den Amateur-Kickern zu spüren. Er wusste immer, dass im Amateurfussball einiges nicht möglich ist, was bei den Profis selbstverständlich ist. Regtop ist ein geselliger Mensch, er kann junge Spieler begeistern.

Regtop will immer gewinnen

Das war auch am Samstag im Paul-Grüninger-Stadion nicht anders. Nach dem Match gegen Gossau holte er in der Kronen-Lounge mit einem Tablett ein paar Getränke, brachte sie an einen Tisch mit Fans und sass eine Weile mit ihnen zusammen. Er lobte seine Mannschaft für die grosse Laufbereitschaft nach dem frühen Platzverweis. Aber er wusste: Das 1:1 gegen den Zweitletzten sind zwei Punktverluste. Die Position in der Spitzengruppe ist zwar überraschend, aber der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, diesen zu halten. Platz drei reicht wahrscheinlich für die Aufstiegsspiele in die Challenge League. Der Club wird bei der Swiss Football League eine Lizenz beantragen. In rührender Ehrlichkeit wird im Matchprogramm ausgeführt, dass dies eine Herkulesaufgabe ist.

Der erste Brühler Schritt zum sehnlich erwünschten Stadtderby gegen St. Gallen in der nächsten Saison ist der sportliche Erfolg. Sauer ist Regtop nach dem Unentschieden nicht. Aber bei einem Sieg wäre ihm wohl einer seiner kernigen Sprüche zu entlocken gewesen. Er rekapitulierte sicher Szenen, in denen der Match für Brühl in erfolgreichere Bahnen hätte münden können.

Istrefi vergab den Siegtreffer

Nicht entgangen ist ihm dabei die beste Brühler Chance überhaupt: Mitte der zweiten Halbzeit konnte Valdet Istrefi allein auf den Torhüter laufen, schoss diesen aber an. «Diese Chance hätte ich verwerten müssen», sagt der 23-jährige Widnauer selbstkritisch. Doch wie dem ganzen Team läuft es auch dem linken Aussenstürmer gut. Gegen Gossau, nach dem Platzverweis aber im 4-4-1 allein in die Spitze beordert, rieb er sich auf. So fehlte Istrefi bei seiner grossen Chance wohl die Frische, um die Kronen in Führung zu schiessen. Ein anderer Rheintaler – der derzeit verletzte Aufbauer Blerim Ibrahimi aus Rheineck – gewinnt dem Remis etwas Positives ab: «Dieser Dämpfer tut uns vielleicht mal ganz gut.»

Der inzwischen 27-Jährige hat eine Odyssee hinter sich. Er war als ganz junger Spieler lange bei Austria Lustenau, wechselte dann über Rankweil zum SC Schwanenstadt nach Oberösterreich. Statt dort den Durchbruch zu schaffen, war er in einem konkursiten Team gelandet. Beim FC Gossau in der Challenge League erhielt der Kosovare wieder eine Chance. «Dort lief es mir lange sehr gut», erinnert sich Ibrahimi. In einem Fernsehspiel gegen Kriens erzielte er gar ein Tor. Doch der Abstieg und vor allem der Wettskandal, von dem der Verein wie kein Zweiter in der Schweiz betroffen war, änderte viel bei Gossau. Ibrahimi erhielt keinen Vertrag mehr und heuerte im letzten Oktober bei Brühl an. Dort ist er im Mittelfeld, wenn er gesund ist, eine feste Grösse. «Es gefällt mir bei Brühl», sagt Ibrahimi. Weiter in die Zukunft blicken, möchte er aber nicht: «Alles kann sehr schnell gehen im Fussball.»

Istrefi hingegen träumt von der Challenge League: «Dort zu spielen, wäre reizvoll.» Er hätte schon früher nach Brühl wechseln können: «Aber als die St. Galler wie Widnau noch in der 2. Liga inter spielten, erschien mir das nicht als sinnvoll.» In der 1. Liga sieht das schon anders aus, «und auch die Tatsache, dass Erik Regtop Trainer wurde, hat mir den Wechsel erleichtert.» Bei Brühl spielen weitere Akteure, die im Rheintal bekannt sind: Goalie Daniel Geisser half mal kurz beim FC Staad aus, und Stürmer Arton Thaqi ist ein Diepoldsauer. Er wechselte zu Saisonbeginn vom FC St. Gallen zu den Kronen, wo der 20-Jährige noch ein Ergänzungs-Spieler ist.

Heute gegen YF Juventus

Brühl will nach den Punktverlusten schnell auf die Siegerstrasse zurückfinden. Am besten schon heute: Um 20 Uhr gastiert der SC YF Juventus im Paul-Grüninger-Stadion.

Valdet Istrefi aus Widnau ist ein Aktivposten in der Brühler Offensive. Vor allem als Vorbereiter kann er in der 1. Liga glänzen. (Bilder: ys)

Valdet Istrefi aus Widnau ist ein Aktivposten in der Brühler Offensive. Vor allem als Vorbereiter kann er in der 1. Liga glänzen. (Bilder: ys)