Toleranz ist nicht endlos

Meinung zum Kulturfestival im Altstätter Balmerhaus

Gert Bruderer
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Später Samstagabend im Technobunker; später kam die Polizei. (Bild: Gert Bruderer)

Später Samstagabend im Technobunker; später kam die Polizei. (Bild: Gert Bruderer)

Feste sind laut; sie machen Freude und sie können ärgern. Jedes Fest, das nicht irgendwo im Riet oder im Industriegebiet stattfindet, ist zugleich eine Belastung. Alle Menschen in der Nähe, die das Fest selbst meiden, sehen sich dessen Lärm ausgesetzt. Sogar ein Anlass in der Ferne kann unter Umständen und je nach Windrichtung gut hörbar sein.

Das überraschend durchgeführte Kulturfestival im Altstätter Balmerhaus, am Rande der Altstadt, war ein Fest mitten im Wohngebiet. Wer es besuchte, konnte schöne Abende und Nachmittage erleben. Die Nachbarn hatten den Lärm hinzunehmen. Eine alte Redewendung passt: Des einen Freud, des andern Leid.

Einige Anwohner beschwerten sich. In der Nacht auf Sonntag kam die Polizei, die jemand angerufen hatte.

Das Gefühl der Nachbarn dürfte jeder kennen. Es entsprang der unliebsamen Erfahrung, die geschätzte Ruhe in den eigenen vier Wänden zu verlieren, vor vollendeten Tatsachen zu stehen und ohne Einfluss zu sein. Ganz grundsätzlich ist feststellbar: In unserer dicht besiedelten Welt, unserer täglichen Enge ist Lärm generell ein Problem. Zwischen Rücksicht und Toleranz die Balance zu finden, ist stetes Bemühen. Laufend geht es darum, manchmal den anderen, manchmal sich selbst ein Vergnügen zu gönnen, das Unbeteiligten ein Dorn im Auge sein kann.

Wir alle sind uns wahrscheinlich zu wenig bewusst, wie oft wir selbst aus fremder Toleranz einen Nutzen ziehen. Das liegt unter anderem daran, dass wir Anlässe besuchen, an denen wir Teil eines grossen Publikum sind und uns nicht selbst «schuld» an dem Lärm wähnen, den wir als Teil einer Masse verursachen. Wir tragen durch unsere Teilnahme an einem Anlass zu dessen Lärm bei und profitieren dabei von der (als selbstverständlich erachteten) Toleranz anderer.

Ob wir an der Fasnacht Freude haben, uns an Umzügen und Maskenbällen erfreuen, ob wir uns nachts an der Rhema aufhalten, vor einem Restaurant spät nachts selbst rauchen oder uns mit Rauchern unterhalten, ob wir einen grossen Sportanlass besuchen – immer wohnen in der Nähe Menschen, die froh wären, sie blieben verschont von dem Lärm in der Nähe, verschont von uns Besucherinnen und Besuchern.

Wahrscheinlich jeder ist an manchen Abenden und manchen Wochenenden stillschweigend gebeten, ein Auge zuzudrücken, manchmal beide Augen. Und wahrscheinlich jeder ist irgendwann froh, wenn andere seiner Feststimmung wegen ein Auge zudrücken, vielleicht ebenfalls beide. Oder aber man geniesst einen x-beliebigen öffentlichen Anlass, dessen Publikum die Toleranz der Nachbarschaft als selbstverständlich voraussetzt. Doch das ist sie nicht.

Klar ist hingegen, dass in unserer dicht besiedelten Welt jeder von Festlärm betroffen sein kann. Das ist besonders lästig, wenn er übermässig ist und häufig wiederkehrt, möglicherweise in kurzen Abständen. Ist eine enorme Lärmbelästigung die Ausnahme, fällt es tendenziell weniger schwer, grosszügig zu sein, sich einen Ruck zu geben und aus der unliebsamen Situation das Beste zu machen (wofür es immer ein paar Möglichkeiten gibt).

Wo aber liegt die Grenze der zumutbaren Belastung? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Es gibt im Bemühen um eine Balance zwischen fremder Rücksicht und eigener Toleranz, zwischen fremder Nachsicht und eigener Achtsamkeit leider kein allgemein gültiges Mass. Es gibt nur die eigene Wahrnehmung. Was jemanden schlimmstenfalls um den Verstand bringt und ihm den Schlaf raubt, stört jemand anderen eventuell überhaupt nicht.

Die Bewilligungsbehörden sehen sich einem beachtlichen Spannungsfeld ausgesetzt. In Altstätten wurde das Kulturfestival im derzeit leerstehenden Balmerhaus für die Zeit von Freitagnachmittag bis Montagnachmittag genehmigt, mit Zeiten teils weit in die Nacht hinein.

Das kann man beanstanden. Man kann die Bewilligung als zu grosszügig werten oder sie grundsätzlich für falsch halten. Es war allerdings die Bewilligung für einen nicht wiederkehrenden Anlass, denn aus dem Balmerhaus wird nun erneut das Wohngebäude, das es früher war. Der Zufall hatte bei der Sache mitgespielt, die quasi unverhoffte Chance zu einem speziellen Festival. Letztlich muss ein jeder für sich selbst entscheiden, wieviel Toleranz er aufzubringen bereit ist und wo er für sich selbst die Grenze zieht, indem er beispielsweise die Polizei um Hilfe ruft.

Sollten die Besucherinnen und Besucher des Kulturfestivals vielleicht in zwanzig oder dreissig Jahren in ihrer eigenen Wohnumgebung ein vergleichbares Fest zu akzeptieren haben, möchten sie sich bitte an das Festival im Balmerhaus erinnern. An die Freude, die sie hatten, und die Toleranz der Nachbarschaft, mit der das Festival – dem Polizeibesuch zum Trotz – verbunden war.

Gert Bruderer

gert.bruderer@rheintalmedien.ch