Tempo 30: eine Zone macht Schule

RHEINTAL. 30er-Zonen liegen im Trend. Quartierbewohner wünschen sie und bekommen sie früher oder später. Nun plant auch Altstätten ein Pilotprojekt. Eine Anwohnerin sammelte dafür Unterschriften. Ihr geht das Ganze aber etwas zu langsam.

Claudio Donati
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30er-Zonen wie jene an der Feldstrasse in Rebstein: Wenn's draussen schön ist, sind besonders viele Familien und Kinder unterwegs. (Bild: Claudio Donati)

30er-Zonen wie jene an der Feldstrasse in Rebstein: Wenn's draussen schön ist, sind besonders viele Familien und Kinder unterwegs. (Bild: Claudio Donati)

Autofahrer von heute erinnern sich vielleicht noch daran, wie sie als Kind auf dem Heimweg baten: «Papa, fahr doch bitte einen Umweg über die Strasse mit den Bodenwellen.» Damals freuten sie sich noch über derart schauklige Abwechslung. Vor etwa zehn Jahren gehörten verkehrsberuhigende Massnahmen und Tempo-30-Zonen im Rheintal zur Seltenheit. Unterdessen werden (manchmal etwas planlos) Inseln, Wellen, Blumentöpfe, Pfosten usw. in Strassen gepflanzt und meist zu 30er-Zonen erklärt. Sie entstehen oft auf Wunsch besorgter Anwohnerinnen und Anwohner. Vor der eigenen Haustür hätte am liebsten jeder eine, während man sich woanders nicht selten über solche Bremsobjekte ärgert.

Überall ähnliche Probleme

Auch im Lüchinger Quartier Zinggen hat sich eine Anwohnerin für Tempo 30 eingesetzt. Aus den üblichen Gründen: Zu viel Durchgangsverkehr (privat und gewerblich), die Strasse dient als Schleichweg, es hat viele spielende Kinder, und der Schulweg führt durchs Quartier. Der Zinggen macht seinem Namen alle Ehre. Entlang der gut 200 Meter langen Strasse mit dem auffällig starken Bogen hat es einige unübersichtliche Stellen und es ist sehr eng. Trotzdem: «Viele Autofahrer bremsen nicht», sagt Gabi Hartl. 50 zu fahren, sei hier deutlich zu schnell. Hinzu kommen Lastwagen und Traktoren, «viele, die hier gar nicht durch müssen», sagt sie. Im Frühling und Sommer werde besonders oft «gerast». Gabi Hartl sammelte deshalb 30 Unterschriften von Nachbarn und übergab diese letzten August dem Stadtrat. Die Mutter zweier Jugendlicher und eines Achtjährigen wünschte sich eine 30er-Zone, damit sie nicht jedes Mal, wenn Kinder draussen spielen, um deren Sicherheit fürchten muss. Ihr sei bewusst, dass die Aufsichtspflicht nach wie vor bei den Eltern liege, doch auch dann bleibe die Strasse stets gefährlich. Deshalb bewacht Gabi Hartl oft das Geschehen vor dem Haus, wenn der Nachwuchs draussen skatet, Velo fährt oder mit dem Trottinett unterwegs ist und schreit von Zeit zu Zeit: «Achtung, Auto!» Ihrer Katze allerdings nützte das nichts, sie wurde überfahren.

Auch Altstätten plant langsam

In anderen Rheintaler Gemeinden haben sich 30er-Zonen während der letzten Jahre bereits durchgesetzt. Thal zum Beispiel bekam ihre erste vor drei Jahren, Rebstein hat sie seit kurzem in vielen Quartierstrassen, und Balgach steht kurz davor, das halbe Dorf in eine 30er-Zone zu verwandeln. Weil Tempo 30 mit baulichen Massnahmen und deshalb oft mit hohen Kosten verbunden ist, regt sich nicht selten Widerstand. Hinzu kommen Auflagen der Polizei wie verlangte Gutachten, Messungen etc. in den betroffenen Gebieten. St. Margrethen kommt deshalb, obwohl ursprünglich eine der ersten Gemeinden, nicht so recht vorwärts. Andere Gemeinden wie Diepoldsau wiederum setzen statt auf verordnetes Tempo vor allem auf bauliche Massnahmen, um den Verkehr in den Quartieren zu beruhigen. Wenn auch nicht überall gleich fett, steht «Tempo 30» in der Agenda fast jedes Gemeinderats.

In Altstätten braucht Manches etwas länger. Und so haben sich auch Tempo-30-Zonen noch nicht durchgesetzt. Einzig im neu überbauten Gebiet Wanne-Locher. Als damals die Bewohner dort eine Langsam-Zone mit Hindernissen wünschten, konnte es nicht schnell genug gehen. Die Stadt liess gar die bereits asphaltierte Strasse nochmals aufreissen. Gabi Hartl hätte sich diese Eile ebenfalls fürs Zinggen-Quartier in Lüchingen gewünscht. Zumindest ein paar verengende «Töggeli» am Strassenrand, wie sie schon seit rund zwei Jahren an der benachbarten Rietstrasse stehen, wären für den Frühling und Sommer nötig gewesen, sagt sie. Sie sei enttäuscht, so lange warten zu müssen. Über die angekündigten Pläne der Stadt will sie sich deshalb nicht so recht freuen. Diese hat das Gebiet zwischen Rietstrasse, Roosen und Zinggen nun zum «Pilotprojekt» erklärt. Voraussichtlich im Herbst beginnt dort gemäss Stadtschreiber Marc Gattiker eine einjährige Versuchsphase. Verläuft diese zufriedenstellend, könnten sich früher oder später auch in Altstätten 30er-Zonen in manchen Wohnquartieren durchsetzen. Bis es so weit ist, wird wohl manche Mutter wie Gabi Hartl diesen Sommer an der Strasse stehen und den Kindern zurufen: «Achtung, Auto!»