Suche nach dem Ich und dem Sinn

HEERBRUGG. Die Performance-Künstlerin Vera Bauer zeichnete das Lebensbild des vor 50 Jahren im Tessin verstorbenen grossen deutschen Dichters Hermann Hesse nach und untermalte es mit Cellomusik.

Max Pflüger
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Bescheiden und schlicht, aber sehr eindrücklich zeichnete Vera Bauer das Lebensbild Hermann Hesses nach. (Bild: mp)

Bescheiden und schlicht, aber sehr eindrücklich zeichnete Vera Bauer das Lebensbild Hermann Hesses nach. (Bild: mp)

Hermann Hesse (1877 bis 1962) war als Dichter zeitlebens auch auf der Suche nach sich selbst. Dies war die zentrale Aussage aus den autobiographischen Texten, die Vera Bauer aus Gedichten, Briefen und den autobiographischen Romanen «Demian» (1919) und «Steppenwolf» (1927) ausgewählt hat. Als Rahmentext wählte Vera Bauer Hermann Hesses «kurzgefasste Biographie», die der Dichter 1927 in seinem 50. Lebensjahr geschrieben hatte. Auf dem Cello untermalte sie die Lesungen musikalisch. Vera Bauer inszeniert den Abend äusserst sparsam: Eine kleine Bank, ein Cello – das genügt ihr. Auch mimische Mittel setzt die Künstlerin wenige ein: Sie stellt das Wort des Dichters in den Mittelpunkt und lässt es durch sich selbst wirken. Dennoch trägt sie mit ihrer Vortragskunst und mit dem einfühlsamen Cellospiel viel zum eindrücklichen Erlebnis der Person Hesse bei.

Herrliche Selbstschilderung

Fasziniert folgten die Zuhörer der Sprecherin durch ein Dichterleben mit wechselvollen Höhen und Tiefen, beherrscht von der Suche nach sich selbst und nach seiner Aufgabe als Dichter: «Die Sache war so: von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle. Zu dieser Klarheit kam aber allmählich eine andre, peinliche Einsicht. Man konnte Lehrer, Pfarrer, Arzt, Handwerker, Kaufmann, Postbeamter werden, auch Musiker, auch Maler oder Architekt, zu allen Berufen der Welt gab es einen Weg, gab es Vorbedingungen, gab es eine Schule, einen Unterricht für den Anfänger. Bloss für den Dichter gab es das nicht! Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein: das heisst als Dichter erfolgreich und bekannt zu sein, meistens war man leider dann schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich bald erfuhr.»

Hermann Hesses «kurzgefasster Lebenslauf» erwies sich als ein köstlicher, mit viel Ironie und Humor gewürzter und doch sehr tiefsinniger Rückblick des damals 50 Jahre alten Schriftstellers. Er schildert seine Jugend in einer streng frommen Missionarsfamilie, seine eher negativen Erfahrungen in der Schule und seine erfolglosen Versuche, in einer bürgerlichen Berufswelt Fuss zu fassen. Er rechnet ab mit dem begeisterten Patriotismus, der Europa in den Ersten Weltkrieg führte. Er zeichnet die vielen Wendungen nach, in denen sein Leben immer wieder eine andere Richtung einschlug.

Grossartiges Lebensbild

Von diesem Leben zeichnete Vera Bauer am Mittwochabend in Heerbrugg ein grossartiges Bild, ein Mosaik, zusammengesetzt aus Texten des Dichters und dazu passenden Cellomelodien. Schalkhaft fröhlich wie der «Hans Dampf im Schneckenloch», der nicht weiss, was er will, dann wieder dumpf und dramatisch, einmal gestrichen oder dann gezupft untermalt sie die Texte und haucht ihnen zusätzlich Leben ein.

Mit einem Hesse-Wort aus dem «Glasperlenspiel» (1943) rief Vera Bauer zum Schluss die Rheintaler Zuhörerschaft auf, sich ebenfalls den ständig wechselnden Forderungen der Zeit zu stellen: «Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginn. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!»