STRASSENNAMEN Wer ist… Heinrich Federer?

BERNECK.Am Rathaus erinnert eine Büste an den bekannten Dichter. Stöbert man in Heinrich Federers Biographie, so erfährt man nur, dass sein Vater ein gewisser Johann Paul Federer war. Der Schriftsteller hatte also Bernecker Wurzeln.

Bea Sutter
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Federer bedankte sich mit viel Geld

Die Heinrich-Federer-Strasse in Berneck gibt es nach Wissen von Marlies Temez-Grüninger, die seit 28 Jahren wieder in ihrem Elternhaus wohnt, seit mehr als 60 Jahren. Zahlreiche Doppelhäuser mit schönen Gärten prägen das Quartier. Es ist durchmischt mit älteren Bewohnern und jungen Familien.

Federers Stationen

Die Bernecker sehen Heinrich Federer als ihren grossen Dichter an, doch bei der Internet-Recherche findet sich nirgends ein Nachweis, dass der Schriftsteller, Priester und Journalist in Berneck gelebt haben soll. Aus Federers Biographie geht hervor, dass er als Sohn des Holzschnitzers und Lehrers Johann Paul Federer und der Verena, geborene Nägeli, im Jahr 1866 in Brienz geboren wurde. Aufgewachsen in Sachseln, besuchte er das Gymnasium in Sarnen. Nach der Matura in Schwyz studierte er Theologie in Eichstätt, Luzern und Freiburg. Nach der Priesterweihe in St. Gallen wurde er Kaplan in Jonschwil. Weitere Stationen waren das Benediktinerkloster Einsiedeln und seine redaktionelle Tätigkeit bei den katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten».

Federers Fall

In einem sogenannten «Stanser Pädophilenprozess» von 1902 wurde Federer wegen einer angeblich homosexuellen Handlung an einem Privatschüler in erster Instanz verurteilt. Obwohl er in zweiter Instanz freigesprochen wurde, erfolgte seine Rehabilitation erst 20 Jahre später.

Nachdem er seine Stelle bei der Zeitung verloren und sein Ruf Schaden genommen hatte, schlug er sich mehr oder weniger gut als freier Schriftsteller durch. Ab 1911 gelang ihm allmählich der literarische Durchbruch. Federer wurde zum bekanntesten Autor der katholischen Schweiz. Mit der im Jahr 2002 erschienenen «erzählerischen Recherche» unter dem Titel «Der Fall Federer» machte Pirmin Meier vor allem Federers angebliche Homosexualität und deren literarische Spuren wieder zum Thema. Wege und Strassen wurden in Zürich, St. Gallen, Jonschwil (wahrscheinlich gibt es noch weitere) und auch in Berneck nach Heinrich Federer benannt. 1966 erschien eine Briefmarke der Pro-Patria-Reihe zum 100. Geburtstag Federers. Heinrich Federer war Bürger von Berneck, das war der Bezug des Schriftstellers zum Rheintaler Weindorf. Der ehemalige Bernecker Gemeinderatsschreiber und Hobby-Historiker René Schelling erzählt, Heinrich Federers Vater sei ein unsteter Mensch gewesen, der seine Familie im Stich gelassen habe.

Bernecks Hilfe nicht vergessen

Im Protokoll der Gemeinde Berneck vom 5. Januar 1874 ist Folgendes vermerkt: «Bundesrichter Hermann im obwaldnerischen Sachseln gelangt zum dritten Mal an die hiesige Armenbehörde mit der Bitte, der immer noch vaterlosen Familie des Bildhauers Paul Federer eine Unterstützung von 200 Franken zufliessen zu lassen.»

Der Rat befand, dem Begehren zu entsprechen. Weiterer Protokollauszug: «Da ein so angesehener Schweizer Amtsmann sich für die arme Familie einsetze und die Kinder eine brave Erziehung erhielten, werde ein Betrag von 100 Franken ausgerichtet, da die Armenkasse sonstwie von allen Seiten bedrängt werde.» Heinrich Federer hat die Unterstützung durch seine Bürgergemeinde nie vergessen. Vor seinem Tode im Jahr 1928 hat er der Gemeinde Berneck rund 20 000 Franken zukommen lassen, als Rückerstattung für frühere Zuwendungen. Testamentarisch legte er fest, der Zins solle dem evangelischen und dem katholischen Armenverein von Berneck zugute kommen.