Störche als angebliche Pechboten

Vor 452 Jahren wurde Altstätten durch eine Brandkatastrophe zerstört. Daran erinnerten die Kirchenglocken.

Meinrad Gschwend
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Diese kolorierte Federzeichnung aus der Sammlung des Zürcher Chorherren Johann Jakob Wick zeigt die brennende Stadt «Altsteten im Rintal». Ihre Einwohner nähern sich ihr verzweifelt. Am Himmel ist ein Schwarm von Störchen zu sehen. Diese sollen kurz vor dem Brand die Katastrophe angekündigt haben. Diese Zeichnung befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich.Bild: Zentralbibliothek Zürich

Diese kolorierte Federzeichnung aus der Sammlung des Zürcher Chorherren Johann Jakob Wick zeigt die brennende Stadt «Altsteten im Rintal». Ihre Einwohner nähern sich ihr verzweifelt. Am Himmel ist ein Schwarm von Störchen zu sehen. Diese sollen kurz vor dem Brand die Katastrophe angekündigt haben. Diese Zeichnung befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich.Bild: Zentralbibliothek Zürich

Am letzten Freitag ertönten die Glocken der katholischen Pfarrkirche von Altstätten – lauter und länger als für Gottesdienste und Beerdigungen. Damit erinnerte Altstätten an die Katastrophe, die vor 452 Jahren das Städtli zerstört hatte. Im Verlauf der Jahrhunderte ist Altstätten mehrmals von Brandkatastrophen heimgesucht worden. Die schlimmste ereignete sich im Juli 1567.

Dass Altstätten vor 452 Jahren durch Feuer völlig zerstört wurde, ist bekannt. Eine Besonderheit stellt der Umstand dar, dass eine zeitgenössische Federzeichnung erhalten geblieben ist. Das Bild aus der Sammlung des Zürcher Chorherren Johann Jakob Wick zeigt die brennende Stadt und über ihr fünf Störche. Nach diesem Bericht sollen am Mittag viele Störche über die Stadt geflogen sein. Kurz nach Mittag brach dann das Feuer aus, dem innert zwei Stunden alle Gebäude innerhalb der Stadtmauern zum Opfer fielen.

«Schellensechse» hatte ein leichtes Spiel

Altstätten war im 16. Jahrhundert ein blühendes Landstädtchen. Man schrieb das Jahr 1567. Der Freitag vor Jacoby war ein heisser Sommertag. Die Leute verliessen die Stadt, um Feld- und Heuarbeiten zu erledigen. Niemand ahnte, nie wieder in sein Haus zurückkehren zu können. Innert gut zwei Stunden wurde alles zerstört. Nur Schutt und Asche blieben übrig. Und es dauerte Jahrzehnte, bis das Leben wieder seinen gewohnten Gang nehmen konnte.

Während das Städtchen fast menschenleer war, schlich ein streckbrieflich gesuchter Verbrecher durch die Gassen. Niemand schien den fremden Mann mit dem Spitznamen «Schellensechse» zu beachten. Deswegen hatte er leichtes Spiel. Mit einer Fackel soll er ein Haus in Brand gesteckt haben. Damals bestanden die meisten Gebäude innerhalb der Stadtmauern aus Holz. Der starke Wind trug wesentlich dazu bei, dass sich das Feuer schnell ausbreiten konnte.

152 Häuser, 52 Ställe und die Kirche wurden zerstört

Rasch fiel die ganze Stadt dem Brand zum Opfer. 152 Häuser, 52 Ställe, die von beiden Konfessionen genutzte Kirche und die Stadttore wurden zerstört. Der ganze Besitz der Einwohner wurde ein Raub der Flammen. Da sich beim Brandausbruch fast alle Bewohner ausserhalb der Stadt befanden, gab es «nur» ein einziges Opfer zu beklagen: ein Kleinkind. Dem Brandstifter gelang es, uner­kannt zu entkommen. In Altstätten konnte man über die Brandursache nur rätseln.

Die Opfer hätten wohl nie erfahren, warum ihre Stadt gebrannt hat, wenn dem Täter sein Trieb, Brände zu legen, nicht in St.Gallen zum Verhängnis geworden wäre. Dort versuchte er kurz später, ein Haus in Brand zu stecken – und wurde auf frischer Tat ertappt.

Der Brandstifter aus Ulm wurde hingerichtet

Beim Verhör stellte sich heraus, dass es sich um den im ganzen Bodenseegebiet bereits gesuchten Leonhard Schmid aus Ulm handelte. Er war der Anführer einer Bande, der Raubzüge, Mord und eine Reihe von Brandstiftungen nachgewiesen werden konnten. «Schellensechse» gestand, den Brand in Altstätten gelegt zu haben. Die Brandstifter hatten das Feuer wohl entfacht, um Fluchtgüter plündern zu können.

Der Brandstifter wurde in St.Gallen hingerichtet. Der Wiederaufbau Altstättens dauerte Jahrzehnte. Lange hatten die Bewohner unter den Folgen dieser Katastrophe zu leiden. Sie waren auf Hilfe angewiesen. Spenden der Städte St.Gallen und Zürich sowie eine Hilfsaktion, die vom Altstätter Stadtrat organisiert war, vermochten wenigstens die bitterste Not zu lindern. Damit das Städtchen überhaupt wieder aufgebaut werden konnte, waren freiwillige «Brandsteuern», die befreundete Städte nach Altstätten schickten, nötig.