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ST.MARGRETHEN: «Ohni Musig lauft nüt»

Hätten die Musikanten Erich Federli, Hans Locher und Franz Giger einen Wunsch frei, sie hätten wohl gern ein bestimmtes Gefühl zurück. Aber die Ehre, die ihnen zuteilwird, freut sie genauso.
Gert Bruderer
Mit der Langsamkeit, der Mühsal, der Umständlichkeit war früher eine Qualität verbunden, die mit den Jahrzehnten, mit der Beschleunigung unseres Alltags, weitgehend verloren ging. Das finden Franz Giger, Hans Locher und Erich Federli (von links), die am 11. November für 65-jähriges Musizieren geehrt werden – und sich darauf freuen. (Bild: Gert Bruderer)

Mit der Langsamkeit, der Mühsal, der Umständlichkeit war früher eine Qualität verbunden, die mit den Jahrzehnten, mit der Beschleunigung unseres Alltags, weitgehend verloren ging. Das finden Franz Giger, Hans Locher und Erich Federli (von links), die am 11. November für 65-jähriges Musizieren geehrt werden – und sich darauf freuen. (Bild: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Dass Hans Locher 1952 der Knabenmusik St.Margrethen beitrat, lag an den beiden Kollegen, die ihn zum Mitmachen ermuntert hatten – Franz und Erich. Am 11. November werden sie alle für ihre 65-jährige Treue als Musikanten geehrt. Hans Locher sagt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: «Hat man einmal zu etwas Ja gesagt, dann ist es so.»

Ja zur Musik.

Ja zu Verbindendem.

Ja zur Gemeinschaft.

Manche Eheleute, die heute in St.Margrethen zusammen sind, haben sich im Musikverein kennengelernt. Auch Erich Federli und seine Frau Verena, die frühere Präsidentin.

Kleines Abenteuer mit Geklimper

Erich Federli gehörte einst als Rechnungsrevisor zehn Jahre lang dem Vorstand an, als Notenarchivar half er der Musikgesellschaft fleissig sparen: Als es noch keine Geräte für das Vervielfältigen gab, wurden zusätzliche Notenblätter nicht einfach bestellt, sondern Federli schrieb sie von Hand ab, was aufwendig, für den Verein aber gratis war.

Es war eine schöne Zeit.

Besonderem Aufwand haftete etwas Abenteuerliches an. Vom Restaurant Kreuz, dem Probelokal der Musikgesellschaft, zogen Erich Federli und Hans Locher am Silvesterabend immer einen Leiterwagen zur evangelischen Kirche. «Es hät ganz schö klimperet», erinnert sich der Notenarchivar und blickt zum einstigen Pedell, zu Hans, der 15 Jahre lang dem Vorstand angehörte. Da zogen sie also den Wagen durchs Dorf, den metallbereiften, den sie für den Auftritt in der Kirche mit Instrumenten und Notenständern gefüllt hatten, zuerst zur Kirche und später wieder zurück.

Mit der Langsamkeit, der Mühsal, der Umständlichkeit war eine Qualität verbunden, die mit den Jahrzehnten, mit der Beschleunigung unseres All- tags, weitgehend verloren ging. In einer kalten Nacht zu zweit durchs Dorf zotteln, da kam man sich nahe, das schweisste zu- sammen. Solche unscheinbaren Abenteuer sind Erinnerungen für die Ewigkeit.

Und nun?

Hektik habe Herzlichkeit verdrängt, bringt Franz Giger einen unliebsamen Wandel auf den Punkt. Musik und Musse seien nicht mehr untrennbar verbunden, in den Proben sei die Zeit gedrängt.

Herrscht Disziplin?

Das sei jetzt aber schön gesagt. Die Jubilare lachen.

In die Knabenmusik waren sie ja eben nicht als leistungshungrige Rekordjäger eingetreten, sondern auf der Suche nach einem beglückenden Gemeinschaftsgefühl. Es geht über das Musizieren hinaus, schliesst die private Nähe ein, heute zum Beispiel das Kä­fele, und erstreckt sich über Hunderte, ja Tausende von Kilometern, weil Hans und Erich ab und zu auch eine ausgedehnte Töff-Tour unternahmen.

Keine Art von Musik wird verdammt

Es ist verrückt: Seit einem Jahrzehnt hat die Musikgesellschaft St.Margrethen keine Jugendmusik mehr, dagegen habe der Verein die Jungen früher nicht gewollt. Als 1957 die Knabenmusik mit ihren gut fünfzig Buben vom Eidgenössischen Musikfest zurückkehrte und die Musikgesellschaft sie festlich empfing, entsprachen die zwölf erwachsenen Musikanten dem Vollbestand der Musikgesellschaft. Frauen waren keine im Verein, erst ein paar Jahre später trat die erste Musikantin der Musikgesellschaft bei.

Wie sehr Musik verbindet, zeigt sich bei Geburtstagsständchen, Muttertagskonzerten und bei vielen anderen Gelegenheiten. Die drei Musikanten, die nun für 65-jährige Mitwirkung geehrt werden, besuchen nicht nur selbst gern Konzerte, sondern zeichnen sich durch eine vorbildliche Offenheit aus, die es ihnen verbietet, eine bestimmte Art von Musik zu verdammen oder sich abfällig zu äussern. Elektronische Musik sagt Erich Federli zwar nichts, und jeder Fehler, den er hören kann, ist ihm bedeutend lieber als ein so genannter Live-Auftritt, bei dem der Sänger bloss die Lippen bewegt und alle so tun, als spielten sie auf ihren Instrumenten, obschon die Musik einem Tonträger entstammt.

Die Kraft, die einer Partyband wie den Flying Koteletts innewohnt, gefällt Erich Feder- li bedeutend besser. Einer von Franz Gigers Söhnen, Peter, ist seit vielen Jahren Sänger bei den Flying Koteletts, und natürlich hat der Vater einige Konzerte miterlebt.

Dass seine Freude an Musik sich auf den Nachwuchs übertrug, freut Giger, dem, obschon er Giger heisse, nicht bekannt ist, dass auch nur ein einziger seiner Vorfahren ein Instrument gespielt hätte.

Rock, Ländler, Blasmusik und Enkel

Ob Rock, Jazz, Ländler oder klassische Musik – daheim bei Erich Federli ist jeder Stil beliebt.

«Bi üs lauft all dä Radio», sagt seine Frau und fügt hinzu: «Ohni Musig lauft nüt.»

Hans Locher hört am liebsten auch zu Hause Blasmusik, vor allem böhmisch-mährische.

Franz Giger meint hingegen, mit dem Musiglose sei es nun vorbei, jetzt seien ja die Enkel da. Er ist der älteste des Trios, achtzig dieses Jahr – und somit liegt sein Alter gut ein halbes Jahrhundert über dem Durchschnittsalter der Musikantinnen und Musikanten des St.Margrether Vereins.

6000 Proben und Auftritte

Gegen 6000 Proben und Auftritte haben Hans Locher und Franz Giger hinter sich gebracht, Locher mit dem Tenorhorn. Franz Giger begann mit der Trompete, wechselte später, weil es zu viele Trompeten hatte, aufs Flügelhorn.

Eine von ihnen spielt bis zum heutigen Tag Erich Federli. Seine Zahl an Proben und Konzerten ist noch deutlich höher, denn wie seine Frau gehört er nicht nur der Musikgesellschaft an; er spielt auch beim Musikverein in Lutzenberg.

Verena Federli hat’s ja gesagt:

Ohni Musig lauft nüt.

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