St.Margrethen
Einmal Jürgen Klinsmann, Roberto Carlos oder Paolo Maldini live sehen: Zwei Brüder organisieren Carfahrten an internationale Fussballspiele

Michele und Renato Cedrola organisieren Ausflüge an Fussballspiele und vermitteln Spieler und Trainer an Clubs.

Benjamin Schmid
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Michele und Renato Cedrola haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und sich als Spielerberater etabliert.

Michele und Renato Cedrola haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und sich als Spielerberater etabliert.

Bild: Benjamnin Schmid

Es ist Mittwochnachmittag um 13.30 Uhr. In St.Margrethen setzen sich fünf voll besetzte Reisecars in Bewegung. Die Stimmung unter den Mitreisenden ist ausgelassen, Bierchen werden geköpft und Sprüche geklopft. 250 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts von überall her freuen sich auf einen Trip nach Milano ans Champions-League-Spiel zwischen AC Mailand und Manchester United.

Jürgen Klinsmann, Roberto Carlos und Paolo Maldini

Was in den frühen 1990er-Jahren im Rheintal seinen Anfang nahm und sich schnell einen Namen über die Region hinaus machte, wird seit Corona schmerzlich vermisst: Gemeinsame Carfahrten an internationale Fussballspiele, wie sie von den in St.Margrethen aufgewachsenen Brüdern Michele (50) und Renato (56) Cedrola jahrzehntelang angeboten wurden. So mancher Rheintaler erinnert sich an die magischen Nächte, und noch heute werden Geschichten aus jener Zeit zelebriert. Renato und Michele erfüllten sich damit nicht nur den eigenen Bubentraum, sondern die Träume unzähliger junger und alter Fussballfans: Einmal Jürgen Klinsmann, Roberto Carlos oder Paolo Maldini live zu sehen. «Einige junge Fans wurden selbst Fussballprofis», verrät Renato Cedrola, «beispielsweise Holger Badstuber.»

Das Fussballbusiness reizte die beiden

Organisierten die Brüder die Ausflüge zuerst nur hobbymässig, reifte mit der Zeit die Idee, selbst im Fussballbusiness tätig zu werden. «1997 machten wir Nägel mit Köpfen und gründeten eine Agentur in Au», sagt Michele Cedrola. Für den Traum verliessen sie ihren angestammten Beruf. Renato war Verkaufsleiter eines internationalen Textilkonzerns und Michele Filialleiter bei Radio/TV Holenstein in Altstätten. Der Bereich Tickets und Tours wurde professionalisiert und das Fundament als Spielervermittler gelegt.

Ein Koffer voller Videokassetten

Während die Brüder die Events organisierten, knüpften sie Kontakte mit Vereinsfunktionären, aber auch mit Spielern, Trainern und Beratern. «Einerseits verdienten wir mit den Trips Geld, andererseits konnten wir 90 Minuten lang Spieler beobachten», sagt Michele Cedrola. Das war viel wert in einer Zeit, in der es noch keine Scouting-Plattformen und Spielerinformationen in Echtzeit gab. Trotzdem hatten sie keine Spieler unter Vertrag – und wenn sie Spieler kontaktierten, wussten diese selten, wer die zwei Rheintaler waren. In dieser Phase entstand der Kontakt zu Hugo Rubio und Ivan Zamorano, die in Chile eine Spielervermittleragentur betrieben und auf der Suche nach deutschsprachigen Vertretern ihrer Spieler waren. Für die mehrsprachigen Brüder war es eine einmalige Chance. Kurzerhand besuchte Michele Cedrola Hu­go Rubio in Chile und kehrte mit einem Koffer voller Videokassetten mit Aufnahmen von hoffnungsvollen südamerikanischen Fussballtalenten zurück in die Schweiz. Wenig später erhielten die Brüder über Claudio Borghi Zugang zum argentinischen Markt. Den Durchbruch als Spieleragenten schafften sie 2001, als sie Carlos Chaile als Ersatz für Marco Zwyssig zum FCSG transferierten. Heute zählen Gastón Giménez (Chicago Fire), Ivan Martic (FC Sion) und Tunahan Cicek (FC Vaduz) sowie Trainer Maurizio Jacobacci (Foot Grenoble) zu ihren prominentesten Klienten.

Der Sport ist ihr Leben – und ein Privileg

Inzwischen haben sie 30 Spieler unter Vertrag, beraten auch Trainer und wohnen nicht mehr in St.Margrethen, betreiben ihre Agentur aber noch immer mit der gleichen Leidenschaft wie am Anfang. «Fussball ist unser Leben», sagen die Fussballagenten. Auch nach über zwanzig Jahren hätten sie noch Freude an der Arbeit.

Trotz grosser Konkurrenz, der nötigen Flexibilität und der ständigen Erreichbarkeit erachten die beiden Secondos ihre Arbeit als Privileg. «Als Kinder haben wir davon geträumt, nun ist es Realität geworden», sagt Mi­chele Cedrola, der seit der Gründung der Agentur über 400 Carfahrten miterlebt hat. Es sei hektischer und schnelllebiger geworden, ausserdem ziehe die Gier nach dem grossen Geld manchmal skurrile Gestalten an. Auch der Umgang mit Social Media will gelernt sein. «Letztlich geht es aber immer um Menschen», sagt Renato Cedrola. Ihre Aufgabe bestehe darin, sie zu unterstützen, zu beraten und auf ihrem Weg zu begleiten. Damit Höchstleistungen abgerufen werden können, müsse das Umfeld stimmen: «Auch bei uns», sagen die Brüder. Während Michele beim Spazieren in der Natur oder beim Zeitunglesen vom Fussball abschaltet, gelingt es Renato beim Musizieren mit seiner Band Under Your Skin.

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