Stämpfli und die Schönheit

Die bekannte Politologin und Philosophin Regula Stämpfli spricht am Freitag, 13. September, in Heerbrugg über ihr neues Buch «Die Vermessung der Frau. Von Botox, Hormonen und anderem Irrsinn».

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Regula Stämpfli spricht in Balgach und plädiert für einen lustvollen Umgang mit dem eigenen Selbst. (Bild: pd)

Regula Stämpfli spricht in Balgach und plädiert für einen lustvollen Umgang mit dem eigenen Selbst. (Bild: pd)

Botox, Diäten, Schönheitsoperationen: Regula Stämpfli, was bringt immer mehr Frauen dazu, sich für die Schönheit unters Messer zu legen?

Regula Stämpfli: Von herrschenden Bildern von gephotoshopten glatten und schlanken Uniformfrauen können sich Menschen nur ganz schlecht distanzieren. Sie hinterlassen Spuren in unserem Denken. Dabei sind Menschen sooo schön – einfach so! Sie merken es einfach oft immer zu spät.

Wieso hält sich aber diese Unzufriedenheit, wem nützt all diese Verzweiflung?

Stämpfli: Wer unzufrieden ist mit sich selbst, versucht zunächst mal, sich selbst zu optimieren, statt die Verhältnisse zu verändern. Mit dem Schönheitswahn verhält es sich wie mit Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein. Die Realität wird einem Wahnsinn angepasst – das hilft natürlich einer Konsumindustrie, die unerreichbare Ziele und Träume zu hohen Preisen verkaufen kann.

Und warum rasieren und operieren sich Frauen seit einigen Jahren im Intimbereich?

Stämpfli: Jede Zeit hat ihre Form. Rasiert, glatt passt in unsere ziemlich steril gewordene Welt, in der alles planbar sein muss. Das rasierte Geschlecht hat sich via Pornographie, Bilder und Medien zudem als Schönheitsideal durchgesetzt.

Wird das so bleiben?

Stämpfli: Die rasierten Beine und Achseln haben sich eingebürgert, aber bei den Schamhaaren ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Die jungen Studierenden sind diesbezüglich viel lockerer. Sie experimentieren mit ihrem Körper und schmücken sich überall – nicht nur im Intimbereich (lacht). Gut möglich, dass hier die Natur wieder vermehrt zum Zug kommen wird.

Vor 30 Jahren trugen kleine Mädchen die unterschiedlichsten Frisuren und kleideten sich in allen möglichen Farben. Inzwischen haben alle lange Haare, die meisten tragen rosa. Was ist passiert?

Stämpfli: Auch die Männer sehen in den TV-Sendungen vor 30 Jahren viel bunter aus! Ich bin erstaunt, wie gleich alle Menschen aussehen. Selbst ich passe mich ja im TV-Studio so einem «Businesslook» an! Es ist ganz schwierig, sich klaren äusseren Formen zu widersetzen. Denken Sie nur an all die Zahnspangen-Interventionen: Da sieht mittlerweile fast jeder Kiefer identisch aus. Das gilt als «gesund» und «schön».

Wie können wir Kinder vor dem Normierungszwang schützen?

Stämpfli: Seid vielfältig, nicht einfältig! Kinder lernen von Erwachsenen. Sie kopieren, handeln, unterscheiden. Wenn wir Erwachsene viel lachen, vieles schön finden, wenn wir keine Kategorien wie «schau, die ist dick!» brauchen, wenn wir uns in unseren Körpern wohl fühlen – dann hat keine Industrie auch nur den Hauch einer Chance, unsere Kinder zu formen. Doch da gerade der weibliche Körper, die Weichheit, die Verletzbarkeit auch in Medizin und Technik immer als Mangel, als Corpus delicti definiert wird, sind wir alle wie in einem Denkgefängnis eingesperrt und plagen unsere Körper und vor allem eben auch unsere Kinder.

Das Thema Sex ist omnipräsent, gleichzeitig schwindet die Lust am Gegenüber. Ein Widerspruch?

Stämpfli: Nein. Die logische Konsequenz. Je mehr Sex zur Ware wird, umso eher geht das Begehren verloren und lässt viele, unendlich einsame Menschen zurück. Menschen suchen Sex und erhoffen sich Liebe, wenn es eigentlich umgekehrt ist: Man sucht Liebe und entdeckt dabei auch den Sex. Wird indessen Liebe auf Sex reduziert, gehen alle Zwischenbereiche von Flirten, Erotik, Lächeln und Geheimnis flöten.

Interview: Jolanda Spirig

Freitag, 13. September, 19 Uhr, Restaurant Weinstube, Balgacherstrasse 225, Balgach. Der Anlass wird vom Frauenforum Rheintal organisiert und richtet sich an alle interessierten Frauen und Männer.