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ST. MARGRETHEN: Gravag-Retter lebte noch drei Jahre

Die Gravag bringt ihren 10000. Zähler an. Den Grundstein für die Erfolgsgeschichte legte ein Holländer. Dem Misstrauen, das ihm entgegenschlug, begegnete er mit grossen Versprechen, die er alle hielt.
Gert Bruderer
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Gert Bruderer

Als die 1901 von Privat gegründete Rheintalische Gasgesellschaft 1979 vor dem Ende stand, rauften sich die Gemeinden der Region zusammen und übernahmen das Unternehmen, indem sie die Gravag gründeten. So stellten sie die Gasversorgung der damals angeschlossenen Haushalte und Betriebe sicher.

Die Probleme waren aber übermächtig, weshalb die Gasversorgung Rheintal-Appenzeller Vorderland in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre fette Schlagzeilen schrieb. Das Leitungsnetz war marod, der Gasverlust mit ei­nem Viertel erschreckend hoch, die Organisation schwerfällig. Die Gemeinden standen vor der Wahl, das Unternehmen zu verkaufen oder 15 Mio. Franken aufzuwenden, wobei sie erwogen, "gewisse Leitungen vom Netz abzuhängen" und die Kosten dadurch auf 12,5 Mio. zu senken.

Gemeinden sagten Ja zum Wunder

In dieser überaus unerfreulichen Situation zeichnete sich ein "holländisches Wunder" ab, wie das "St.Galler Tagblatt" in seiner Ausgabe vom 7. Juni 1984 das unverhoffte Glück der St.Galler und Vorderländer Gemeinden nannte. Die Gemeinden mussten sich nach einem Kaufinteressenten gar nicht erst umsehen, denn Leonardus Metz, ein Holländer, verspürte von sich aus den dringlichen Wunsch, die Gravag zu übernehmen und erklärte sich bereit, hierfür 5 Mio. Franken zu bezahlen.

Die Skepsis gegenüber dem Retter in der Not war nachvollziehbar. Metz, zu diesem Zeitpunkt 78-jährig, versprach nicht nur die Erneuerung des Leitungsnetzes, sondern ausserdem den Verzicht auf jeglichen Leistungsabbau.

Im Gegenteil bezeichnete er kühn den Gaspreis als zu hoch – um etwa zehn Prozent. Er hatte eine Gegenstrategie, die nicht Abbau bedeutete, sondern die konsequente Erneuerung und Erweiterung des Leitungsnetzes. Eine bestmögliche Auslastung sollte zu Preissenkungen führen.

Es war für Metz ein "Sprung ins Risiko"

"Der wird schon noch aussteigen, wenn er vom Zustand des Netzes erfährt", wurden kritische Stimmen vom "St.Galler Tagblatt" in ein zusammenfassendes Zitat gegossen. Der "Holland-Story" wurde inbrünstig misstraut, derweil der damalige "Rheintaler"-Chefredaktor Markus Löliger sich in Sachbezogenheit übte, was sich in einem nüchternen Titel ("Gravag soll verkauft werden") sowie dem Verzicht auf jegliche Polemik niederschlug; Begriffe wie "Ostschweizer Gaskrieg" waren in Löligers Text nicht zu lesen. Der langjährige Gravag-Verwaltungsrat Urban Slongo, Präsident bis im Jahr 2012, bezeichnete den Kauf des Unternehmens durch Leonardus Metz im Juni 1984 als "Sprung ins Risiko", derweil die betroffenen Gemeinden der unverhofften Chance, ein übermächtiges Problem loszuwerden, nicht widerstehen mochten.

Die Gelegenheit beim Schopf zu packen, fiel den Rheintalern am Ende nicht ganz so schwer, weil Leonardus Metz, bei allen Vorbehalten, ein Mann mit Erfahrung und einem eindrucksvollen Leistungsausweis war: In Holland hatte der Eigentümer von vier Unternehmen das Gas auf die vorgelagerten holländischen Inseln gebracht, in Österreich hatte er sich als Pächter eines Gaswerks betätigt.

Im "Bad Balgach" stimmten schliesslich 13 Gemeinden für den Verkauf der Gravag an Metz, nur vier waren dagegen – Berneck, Marbach, Wolfhalden und Heiden; Rorschacherberg enthielt sich der Stimme. Der Grund für das vierfache Nein ist allerdings darin zu suchen, dass die ablehnenden Gemeindevertretungen sich auf Beschlüsse stützen mussten, die in Unkenntnis der aktuellen Offerte aus Holland gefasst worden waren. Ab Oktober 1984 gehörte die Gravag dem neuen Alleinaktionär Leonardus Metz.

Metz hat vor dem Tod alles perfekt geregelt

Der solvente neue Gravag-Eigentümer übernahm vier Fünftel der Schulden, den Rest beglichen die Gemeinden. Sodann ging der Mann aus Culemborg konsequent ans Werk. Er konnte auf holländisches Fachwissen zurückgreifen und Fachleute einspannen, liess eine Notleitung bauen und plante die Erneuerung des Leitungsnetzes zügig und minutiös.

Als Leonardus Metz drei Jahre nach der Firmenübernahme 81-jährig überraschend starb, hatte er alles geregelt: Der Plan für die Erneuerung des Leitungsnetzes, die sich hauptsächlich über die Jahre von 1986 bis 1993 erstreckte und bereits mit der Erschliessung neuer Gebiete verbunden war, lag fixfertig vor, und die Stabilität des Unternehmens war sichergestellt. Metz hatte in Holland eine sogenannte Verwaltungsstiftung gegründet und al­le Aktien in diese eingebracht, was die nahtlose Fortführung der Gravag-Geschäfte sicherstellte.

Die Gravag wuchs und wuchs

Waren bis in die Achtzigerjahre hauptsächlich Kochherde und Durchlauferhitzer mit Gas betrieben worden, so kamen nun die Gasheizungen auf, die neue Kundschaft brachten. Die weitere Entwicklung erfolgte ganz im Sinne des weitsichtigen holländischen Unternehmers. Die Gravag dehnte sich weiter aus, erweiterte ihr Erdgasnetz 2003 ins Werdenberg, wurde 2005 zur Gravag Erdgas AG, eröffnete 2006 eine Erdgas-Tankstelle in Au, ermöglichte 2007 die Einspeisung von Biogas der Rhy Biogas AG, er­öffnete 2009 eine zweite Erd­- gas-Tankstelle in Altstätten, dehnte ihr Netz 2011 nach Gais und Appenzell aus, bald darauf nach Bühler, und erweiterte ihr Netz 2014 ins innerrhodische Steinegg.

Als Leonardus Metz die Gravag übernahm, betrug die Netzlänge 219 Kilometer. Seither kam es zu einer Verdreifachung – auf 720 km im letzten Jahr, wobei von den einstigen Gussleitungen keine mehr in Betrieb ist. Auch die Zahl der Dörfer von einst 19 stieg stark – auf 50. Und der Absatz von 180 GWh (Gigawattstunden) erhöhte sich auf 610 GWh. So ist die Gravag Erdgas AG heute der drittgrösste Gasversorger der Ostschweiz, noch vor der Stadt Winterthur oder der Stadt Schaffhausen. Dass das Rheintaler Unternehmen mit Sitz in St. Margrethen bereits 10000 Liegenschaften mit Gas versorgen kann, bedeutet im Versorgungsraum der Gravag einen Marktanteil von 30 Prozent. Von rund 120000 Einwohnern beziehen etwa 35000 Erdgas – entweder direkt, als Einfamilienhausbewohner, oder indirekt, in einem Mehrfamilienhaus. Hinzu kommt ein Teil der Industrie, die ebenfalls mit Gas beliefert wird.

Metz hat auch privat Schönes geschafft

Leonardus Metz, den Urban Slongo als gewinnende Persönlichkeit mit grossem Verhandlungsgeschick bezeichnet, hätte sicher Freude, könnte er die Gravag heute sehen. Der ruhige Holländer, der die damals 18 Mitarbeiter alle persönlich kannte, hielt sich während Jahren oft im Rheintal auf und wohnte stets im Hotel Kurhaus-Bad in Walzenhausen.

Metz hat aber, sozusagen nebenbei, noch etwas anderes geschafft: Indem der zweimal verheiratete Unternehmer sein halbes Dutzend Kinder alle gleich behandelte, schloss die Familie sich schon früh hinter dem Gravag-Projekt zusammen, wie Urban Slongo es ausdrückt. Obschon die Familie über ganz Europa verteilt ist und die Nachkommen des Gravag-Käufers u. a. in Finnland, Frankreich, Österreich und Spanien zu Hause sind, haben sie alle eine gewisse Beziehung zum St. Galler Rheintal. Sie kennen alle Geschäftsführer Roger Schneider und sind regelmässig in der Region zu Gast.

Grosser Glücksfall für die Region

Der von viel Misstrauen begleitete Kauf der Gravag 1984 erwies sich nicht nur für die Region als grosser Glücksfall, sondern auch für die Familie, die durch das Gasgeschäft zu neuer gemeinsamer Energie gekommen ist.

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