ST. MARGRETHEN: Eine herrliche Polit-Komödie

Am Samstagabend fand im Rheinausaal die Premiere des neuen Stücks der Theatergruppe Heldsberg statt. Alle 161 Plätze waren belegt, als sie die gelungene Inszenierung präsentierte.

Max Pflüger
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Turbulentes Geschehen im Garten der «Krone» in Schattenbühl. Das Publikum ist mittendrin und dicht an der Geschichte. (Bilder: Max Pflüger)

Turbulentes Geschehen im Garten der «Krone» in Schattenbühl. Das Publikum ist mittendrin und dicht an der Geschichte. (Bilder: Max Pflüger)

Max Pflüger

Mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen, mit einer einfallsreichen Regie und mit grossem Aufwand hat die Theatergruppe ihre neue Produktion in Szene gesetzt. Perfekte Film- szenen, turbulentes Geschehen im Garten der «Krone» und ideenreiche Rahmenbedingungen rund um das Theaterstück «Verkleidet» machen den Besuch im Rheinausaal zu einem unvergesslichen Theaterabend.

Den eigenen Empfang gestalten

Bundesrat Oskar Wyss hat genug vom Stress und den Belastungen in seinem Amt, in der Partei und in der Familie. Es ist ihm verleidet, täglich kritisiert zu werden und für alle und alles zuständig zu sein. Darum will er sich vor- übergehend in die Berge zurückziehen. Verkleidet als Oski Schwarz taucht er im Bergdorf Schattenbühl auf und möchte sich inkognito hier erholen. Durch eine Indiskretion hat der Gemeinderat von Schattenbühl aber von der Ankunft des Bundesrates in den nächsten Tagen erfahren.

Das Dorf bereitet sich auf den Empfang des hohen Gastes vor. Es soll ein richtig pompöser und unvergesslicher Empfang werden. Ein OK wird konstituiert, hat aber seine liebe Mühe mit den ungewohnten Gepflogenheiten eines Staatsempfangs. So rutscht Oski Schwarz ungewollt in dieses Komitee. Als Ehrenpräsident des Organisationskomitees muss er seinen eigenen Empfang vorbereiten.

Mehr sei vom Inhalt an dieser Stelle nicht verraten. Den Zuschauern der drei Vorstellungen vom nächsten Wochenende soll die Spannung nicht genommen werden. Nur so viel: Was die Theatergruppe Heldsberg da inszeniert, ist ganz grosses Theater, Polit-Komödie vom Feinsten.

Komödie rund um die «Classe politique»

Gezeichnet wird in ironisch-kabarettistischer Überzeichnung ein politisches Umfeld, in dem jeder nur nach seiner eigenen Macht und seiner eigenen Bereicherung strebt. Das gilt nicht nur für den schweizerischen Bundesrat, das ist in der deutschen Politik nicht anders. Das erfährt man bei einem herrlichen Saunagespräch zwischen Oski Schwarz und einem deutschen Chaletbesitzer. Aber auch in einem Dorf ist es nicht besser: Der Schreiner zimmert aus altem Holz neue Möbel, die Wirtin saniert auf Gemeindekosten ihr Haus, der Gemeindepräsident will beim Bundesratsempfang im Mittelpunkt stehen und sein Image aufpolieren.

Geschrieben hat das Stück bereits 1955 der bekannte Basler Kabarettist und Autor César Keiser unter dem Titel «Schwarzi Göggs und wyssi Chräge». Trotz des Alters hat das Stück aber nichts an Aktualität eingebüsst. Nur wenig hat es Nicolas Russi modernisiert und die witzigen Andeutungen auf politische Ereignisse der Jahrtausendwende angepasst, etwa den «halben Bundesrat», das omnipräsente Handy und die Diskussionen um Postschliessungen eingebaut. Die Heldsberger setzten dann gleich noch einen obendrauf: Mit aktuellen «Trump»-ismen wie «alternative Fakten» und «Lügenpresse» bewegt sich der Humor auf dem allerletzten und neuesten Stand.

Im Stück mittendrin und dabei

Gelungen ist der direkte Einbezug des Publikums in die Geschichte. So wird jeder im Rhein- ausaal vom Theaterbesucher zum Gast in Schattenbühl. Dazu setzt die Regie drei Mittel ein.

Erstens: Schon beim Eintritt in den Spielort wechselt man von St. Margrethen nach Schattenbühl. Beim Aufgang klebt an einer Wand die Ortstafel «Schattdorf». Schattbühler begrüssen jeden Ankömmling im Bergdorf, wünschen gute Luft, schönes Wetter und eine angenehme Ferienwoche. In der Festwirtschaft liegt die Menükarte der «Krone Schattdorf auf».

Zweitens: Der Handlungsraum wird von der Bühne herunter in den Saal weitergeführt, die Tribüne rechts und links der Spielfläche entlanggezogen. Man sitzt nahe an den Spielern, ist gleichsam im «Kronen»-Garten mit dabei.

Drittens: In passenden Situationen wenden sich Spielfiguren direkt an die Theaterbesucher, fragen diese nach dem Weg und nach anderen Informationen zum Dorf oder knipsen als Touristen Handybilder von ihnen. Man ist nicht mehr nur Zuschauer, sondern beinahe Mitspieler und geniesst so einen ganz speziellen Theaterabend.