«Sprüche nie ernst genommen»

Der Kantonsrat hat dieser Tage den Rheintaler Kreisgerichts-Präsidenten Walter Würzer als neuen Kantonsrichter gewählt. Würzer wirkte während 26 Jahren am Bezirks- und später am Kreisgericht. Er will volksnah bleiben.

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Walter Würzer in seinem Büro im Altstätter Haus Raben. (Bild: René Schneider)

Walter Würzer in seinem Büro im Altstätter Haus Raben. (Bild: René Schneider)

Walter Würzer, warum freuen Sie sich über die Wahl?

Walter Würzer: Für mich schliesst sich der Kreis. 1981, als 28-jähriger Jurist, habe ich mich als Praktikant beim Kantonsgericht auf das Anwaltspatent vorbereitet. Ich hatte noch nicht die Absicht, Richter zu werden. Es hat mir dann so gut gefallen dort, dass ich als Gerichtsschreiber geblieben und in der Justiz gelandet bin.

Praktikant und Schreiber am Kantonsgericht, Kreisrichter, Präsident des Kreisgerichts, Richter am Kantonsgericht – ist der Aufstieg in der St. Galler Justiz eine Frage des Dienstalters?

Würzer: Es kann damit zusammenhängen, man kann aber auch in jungen Jahren Kantonsrichter werden. Man muss zur rechten Zeit am rechten Platz sein, im richtigen Alter, bei der richtigen Partei und mit den richtigen Fähigkeiten. Die Posten werden von den Parteien besetzt.

Vom Haus Raben in Altstätten in den St. Galler Klosterbezirk – ist das auch ein architektonischer und städtebaulicher Aufstieg?

Würzer: Das Haus Raben ist ein denkmalgeschütztes Bürgerhaus mitten in Altstätten, der Klosterbezirk zählt zum Weltkulturerbe. Es ist also auch ein architektonisch-städtebaulicher Aufstieg. Anderseits hat niemand am Kantonsgericht ein so schönes Büro wie ich hier: 43 Quadratmeter, mit Parkettboden, Stukkaturen an der Decke, sechs Fenstern. So gesehen ist der Wechsel nur bedingt ein Aufstieg.

Am Kantonsgericht werden Sie regelmässig vor mehr oder weniger Zaungästen Recht sprechen. Freuen Sie sich darauf?

Würzer: Insgesamt werde ich weniger öffentlich agieren als am Kreisgericht, weil der Anteil von reinen Aktenprozessen dort viel grösser ist. Zwar gibt es am Kantonsgericht regelmässig publikumswirksame öffentliche Strafprozesse, aber ich werde nur bei einzelnen davon den Vorsitz haben. Ich freue mich darauf, wie ich mich auch über Publikum im Kreisgericht freute.

Sie führten den Vorsitz neulich, als es um den erschossenen Findelhund Funny ging. Hatten Sie vor der Verhandlung Angst?

Würzer: Nein. Angst hatte ich in all den 26 Jahren nie. Ich bin nie ernsthaft bedroht worden, und laute Sprüche habe ich nie ernst genommen. Aber ich war irritiert, als ein Tierschutz-Aktivist aus Zürich ankündigte, er werde mit seinen Leuten und Hunden erscheinen und man würde die Verhandlung wohl besser in eine Mehrzweckhalle verlegen. Auch war aussergewöhnlich, dass die Polizei von sich aus mit einem grösseren Aufgebot das Gericht und dessen Umgebung sicherte. Doch kamen ja dann nur eine Handvoll Tierschützer und ein paar weitere Interessierte.

Erinnern Sie sich an einen besonders krassen Fall?

Würzer: An eine Episode. Vor 20 Jahren verurteilten wir einen Rheintaler und dessen Sohn, weil sie in der Nacht aus dem Fenster auf vermutete Einbrecher geschossen hatten. Sie hatten niemanden verletzt. Hinterher bekam ich ein anonymes Schreiben, in dem meine Kollegen und ich über eine ganze A4-Seite unter anderem als Halunken, Schweine, und gottverdammte Siechen bezeichnet wurden. Weil wir Schweizer verurteilten, die lediglich ihr Hab und Gut verteidigten. Der Brief zirkulierte damals und belustigte uns alle. Unternommen haben wir nichts. Die Zeilen der angeblichen zwölf Aufrechten im Rheintal waren zu grotesk.

Gab es auch erfreulichere Episoden?

Würzer: Ich freute mich jedes Mal bei Verhandlungen im Zivilrecht, wenn mir ein Vergleich gelang. Wenn beide Seiten etwas nachgeben und danach wieder in Frieden miteinander leben konnten.

Wird die Wahl Auswirkungen haben auf ihr Privatleben?

Würzer: Mein Arbeitsweg wird kürzer, weil ich in Staad wohne. Ich werde nicht nach St. Gallen umziehen. An den Wochenenden bin ich ohnehin häufig weg. Ich werde mich neu orientieren müssen, wenn es um das Einkaufen und andere Alltäglichkeiten geht. In Altstätten liegt alles in Fussdistanz. Sogar Kopfweh-Tabletten gibt es gleich nebenan.

Werden Sie doppelt soviel Lohn bekommen?

Würzer: Nein, aber doch etwas mehr. Das ist jedoch nicht der Grund, warum ich mich um die Wahl beworben habe. Das gute Gehalt ist eine angenehme Nebenerscheinung.

Eine philosophische Frage: Können Richter die Welt, die Gesellschaft oder wenigstens einzelne Gestrauchelte verbessern?

Würzer: Die Gesamtheit der Richter auf der Welt kann vielleicht zusätzliche Sicherheit schaffen. Vor allem die Strafjustiz dient der Schaffung von Sicherheit. Die Justiz kann aber kaum mehr Sicherheit und Frieden zwischen den Staaten schaffen, weil hier Macht eine Rolle spielt. Bei jüngeren Menschen können Richter vielleicht durch eine Strafe ein Innehalten auslösen, Einsicht und eine Umkehr. Man darf aber die gesellschaftliche Relevanz der Justiz nicht überschätzen.

Werden Sie auch in St. Gallen Dialekt sprechen mit den Angeklagten und Hochdeutsch mit den übrigen?

Würzer: Das hatte ich dort damals so gelernt – und stehe noch heute dahinter.

Interview: René Schneider

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