Sprechstunde nach Italien verlegt

HEERBRUGG. Edward Frisbie hielt letzte Woche seine Sprechstunden nicht in Heerbrugg, sondern in Caldonazzo ab. Der Allgemeinmediziner fährt seit 14 Jahren zum Freiwilligeneinsatz ins SOS-Feriendorf Caldonazzo nach Norditalien.

Susi Miara
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Edward Frisbie in der «Caldo-Klinik»: «Abgesehen von leichten Blessuren, diversen Sportverletzungen sowie den üblichen Kinderkrankheiten gab es dank vieler freiwilliger Betreuer keine lebensbedrohlichen Zwischenfälle.» (Bild: pd)

Edward Frisbie in der «Caldo-Klinik»: «Abgesehen von leichten Blessuren, diversen Sportverletzungen sowie den üblichen Kinderkrankheiten gab es dank vieler freiwilliger Betreuer keine lebensbedrohlichen Zwischenfälle.» (Bild: pd)

Edward Frisbie bezeichnet sich selbst als «Ami aus Berlin», weil sein Vater ein Amerikaner und er in Berlin aufgewachsen ist. Seit Februar 2011 lebt er mit seiner Familie – Frau, Kindern, zwei Hunden und einer Katze – in Balgach. Nach Zwischenstops in Liechtenstein, Grabs und Heerbrugg arbeitet er in der Praxis «Ärzte am Markt» als Allgemeinmediziner und ist gleichzeitig Oberarzt der Notfallstation im Spital Grabs.

Edward Frisbie ist mit Leib und Seele Hausarzt. Dies zeigt auch sein soziales Engagement. Seit 14 Jahren opfert er eine Woche seiner Ferien oder nimmt, wenn nötig, eine Woche unbezahlten Urlaub für seinen Freiwilligeneinsatz im SOS-Feriendorf Caldonazzo.

24 Stunden in Bereitschaft

Vor 14 Jahren war Edward Frisbie Ausbildner beim Roten Kreuz in Tirol. Dort hörte er erstmals vom SOS-Feriendorf Caldonazzo und erfuhr, dass dort ehrenamtliche Ärzte gesucht werden. Für ihn war sofort klar, dass er helfen möchte. Mit der ganzen Familie fuhr er nach Italien und leistete gleich seinen ersten Freiwilligeneinsatz. «Es war eine Erfahrung für die ganze Familie», sagt er. Als Mediziner müsse man dort mit wenigen, bescheidenen Mitteln auskommen. Instrumente, Medikamente und Bandagen werden gespendet. «Es ist gut möglich, dass mal etwas fehlt», sagt Edward Frisbie. «Dann muss man improvisieren.» Der leitende Arzt müsse während 24 Stunden erreichbar sein. Zweimal täglich finden Sprechstunden in der Praxis statt. «Der Wartesaal ist dann jedesmal voll», sagt Edward Frisbie. Meist seien es Kleinigkeiten, Verletzungen, Sonnenbrand oder Durchfall. Da jedoch kein Labor und kein Ultraschall zur Verfügung stehen, muss man wirklich ein Allrounder sein.

1300 Kinder werden betreut

Das SOS-Feriendorf Caldonazzo liegt am Caldonazzosee bei Trient in Oberitalien. Dorthin kommen bereits seit 60 Jahren jeden Sommer, im Juli und August, schulpflichtige Kinder (Waisen, Flüchtlinge aus Kriegsregionen etc.) aus verschiedenen SOS-Kinderdörfern Europas (letztes Jahr waren es zwölf Nationen), um den SOS-Kinderdorf-Müttern die Gelegenheit zu einem Urlaub zu geben. Im Feriendorf sind rund 1000 Personen (ca. 750 Kinder und 250 Erwachsene) gleichzeitig untergebracht. Insgesamt werden während des ganzen Sommers ca. 1300 Kinder betreut. Die Umgangssprache im Feriendorf ist Deutsch, alle Gruppen haben Mitarbeiter dabei, die entweder Deutsch oder Englisch sprechen.

Als verantwortlicher Arzt leitete Edward Frisbie während einer Woche die Erste-Hilfe-Station des SOS-Feriendorfes, auch «Caldo-Klinik» genannt. Das Team der «Caldo-Klinik» besteht neben dem Arzt aus zwei Krankenschwestern, dies sind meistens Krankenschwestern in Ausbildung oder Medizinstudentinnen. Zudem steht ein Rettungsfahrer des Roten Kreuzes mit Krankenwagen zur Verfügung. Nur einige Tage nach seiner Rückkehr freut sich Edward Frisbie schon auf seinen nächsten Einsatz. Gerne erinnert er sich an seine Sprechstunden und auch an manch lustige Erlebnisse. Während einer Behandlung habe ein achtjähriger Junge einen anderen gefragt, was er habe. Irgendetwas mit der Sonne, war seine Antwort. Dieser darauf: «Das muss aber ansteckend sein, ich habe das Gleiche.»

Strahlende Kinderaugen

Neben den täglichen Sprechstunden stand Edward Frisbie 24 Stunden für Notfälle zur Verfügung und war immer per Handy erreichbar. Während der Zeit seines Einsatzes erhält Edward Frisbie Kost und Logis sowie den dankbaren Ausdruck von strahlenden Kinderaugen. «Ich möchte auf diese Art etwas zurückgeben», sagt Edward Frisbie, «einfach, weil es uns sehr gut geht.» Nach einer Woche im SOS-Ferienlager werde ihm richtig bewusst, dass er eigentlich nichts mehr brauche. Deshalb möchte Edward Frisbie so lange es möglich ist weitermachen. Vor allem ist es ihm aber wichtig, dass möglichst viele Menschen von dieser Organisation erfahren. Jedes Jahr werden nämlich freiwillige Helfer gesucht, und auch mit einer Spende hilft man, die Lager aufrechtzuerhalten.

Infos unter: www.sos-feriendorf.it/de/About/Storia