Spitzen
«Heller Unsinn» in «Volkszeitung»: Wie «Rheintaler» und «Volkszeitung» früher gegeneinander stichelten

Scharf und leidenschaftlich, oft ironisch, schrieben «Rheintaler» und «Volkszeitung» früher gegeneinander an.

Gert Bruderer
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Im Titelkopf der Zeitung «Der Rheinthaler» war früher angegeben, wessen Organ das Blatt war, nämlich jenes der freisinnig-demokratischen Partei.

Im Titelkopf der Zeitung «Der Rheinthaler» war früher angegeben, wessen Organ das Blatt war, nämlich jenes der freisinnig-demokratischen Partei.

Bild: Gert Bruderer

Ein schönes Müsterchen für eine verbale Attacke findet sich im «Rheinthaler» vom 22. Februar 1911. Unter dem Rubriktitel «Aus dem Rheintal» bezieht sich die Redaktion direkt auf einen im Konkurrenzblatt erschienenen Text. Schon im Titelkopf der Zeitung war die Ge­sinnung der «Rheinthaler»-Redaktion klar deklariert. Die Leserschaft hielt ein «Organ der freisinnig-demokratischen Partei» in Händen. Der Text in der erwähnten Ausgabe ist erheiternd genug, um hiermit in voller Länge ans Tageslicht gebracht zu werden:

«Mit überlegenem Lächeln belehrt uns unser Nachbar von der ‹Volkszeitung›, dass er nicht bloss an einer *alma mater, sondern noch an anderen Stätten der Wissenschaft von des Geistes Quellen geschlürft habe. Diese Offenbarung hat uns unsere autodidaktische Unvollkommenheit von neuem zum Bewusstsein gebracht und wir hätten unsern Nachbar beinahe um seine Vorteile beneidet, wenn er nicht selber mit eigener Hand diese Illusion zerstört hätte. Anstatt unsere Vorhalte in vorletzter Nummer mit Gründen zu widerlegen, versuchte die ‹Volkszeitung›, uns mit höchst unwissenschaftlichem Klatsch abzuspeisen. Erst beteuert sie, keinem Liberalen etwas zu Leide zu tun und bemerkt dann schon einige Zeilen weiter unten, dass sie sich «begnüge», den Liberalismus zu bekämpfen, «weil dieses politische System ihrer Weltanschauung direkt ins Gesicht schlage» und die «freigeborene Religion zur Magd des Staates degradieren wolle.»

«Dieser Satz ist natürlich ein heller Unsinn, aber insofern wertvoll, als die ‹Volkszeitung› darin offen bekennt, dass sie die Bekämpfung des Liberalismus als ihre Hauptaufgabe betrachtet und es ihr mit dem politischen Frieden niemals ernst ist. Die ‹Volkszeitung›, die sich so gern als die gekränkte Unschuld aufspielt, ist dieses Mal unvermerkt aus der Rolle gefallen, indem sie mit diesem unfreiwilligen Geständnis herausplatzte.

Daraus geht nun aber auch von selbst hervor, dass der ‹Rhein­thaler› dann und wann, wenn es die ‹Volkszeitung› auch gar zu arg mit der Bekämpfung des Liberalismus treibt, sich für diesen wehren und die ‹Volkszeitung› von Zeit zu Zeit daran erinnern muss, dass auch der Liberalismus so gut seine Existenzberechtigung hat, wie das von ihr vertretene politische Prinzip. Damit Schluss!»

Spätestens seit dem Jahr 2011 können die Redaktionen von «Rheintaler» und «Volkszeitung» sich nicht mehr über die geschätzte Konkurrenz belustigen, noch ist es heute möglich, sie mit beissender Kritik zu plagen. Denn vor einem Jahrzehnt kamen die beiden Traditionsblätter unter ein gemeinsames Dach und ist somit die Redaktion für beide Tageszeitungen dieselbe.

Hinweis: *Alma Mater (von lateinisch alma «nährend, gütig» und mater «Mutter») ist eine Bezeichnung für Universitäten.