Spatzen und andere Flieger

«In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch …» Genauso wie in Morgensterns Gedicht «Die drei Spatzen» schaut es momentan aus. Der Haselstrauch ist zwar eine Buchenhecke, aber der Flugbetrieb im Garten ist so dicht, dass es eine Freude ist.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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«In einem leeren Haselstrauch, da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch …»

Genauso wie in Morgensterns Gedicht «Die drei Spatzen» schaut es momentan aus. Der Haselstrauch ist zwar eine Buchenhecke, aber der Flugbetrieb im Garten ist so dicht, dass es eine Freude ist.

Der andere Flugbetrieb in der Gegend, verursacht durch die (vermeintlichen) Herren der Welt, die sich in einer hochalpinen Festung treffen, ist lauter und weniger elegant, aber endlich können wir hier im Rheintal wieder einmal ein Stück dieser jährlichen Posse mitmachen. Und wenn dann gar amerikanische Filmstars nach langem Flug im Privatjet am Bodensee landen und den Herren im Bündnerland in Sachen Klimaschutz die Leviten lesen, wird es einem ganz warm ums Herz.

Wenn ich mich dann ertappe, dass mir ein kleiner Vogel vor dem Fenster echte Freude macht, fühle ich mich wie auf einem anderen Stern und denke an einen meiner Lieblingssprüche: Ich bin nicht von dieser Welt …

Diese kleine Welt ums Futterhaus, kaum zwei Meter vor dem Fenster, habe ich seit Neujahr intensiv beobachtet. Ich bin, wie es im Business so schön heisst, suboptimal ins Jahr gestartet und habe alle Zeit der Welt, die kleinen Flieger zu schauen. Da werden Kohlmeisen auf einmal zu Persönlichkeiten mit individueller Kleidung, Gestik und Charakter. Zwischen den Füssen wird der glatte Sonnenblumenkern gehalten und blitzschnell aufgespalten. Die Bewegungen sind so rucklig, als ob da ein Film in einem alten Apparat liefe. Mit den Kohlmeisen kommen auch Schwanz-, Tannen- und Haubenmeise. Diese Miniatur-Kakadus mit spitzigem Schnabel wiegen kaum zehn Gramm und haben doch eine Beweglichkeit, die niemals mit tonnenschweren Flugapparaten auch nur ansatzweise erreicht werden. Kleiber kommen mehrere.

Kleiber wurden früher Handwerker genannt, die mit Lehm arbeiteten. (Viele Häuser im Rheintal wurden vor hundert Jahren aus Lehm gebaut.) Der Kleiber klebt seine Baumhöhlen mit Lehm und Speichel zu, damit Marder und andere Räuber nicht in die «Stube» kommen können. Und dann taucht sogar er auf: Nein, nicht die fliegende Atomfestung aus Amerika, nein, der Vogel des Jahres 2016, der Buntspecht. Was der mit seinem Kopf bzw. Hals kann! Der ist so beweglich, als ob er gar nicht richtig mit dem Körper verbunden wäre. Dabei hat der ganze Schädel eine Knochenstruktur mit dämpfender Wirkung, damit ihm das Gehirn beim Hämmern nicht durcheinander gerät. Dann kommt der Superflieger aus Amerika doch noch, in Form einer Amsel. Sie setzt sich ins Futterhäuschen und füllt es fast aus. Niemand kommt mehr da hinein.

Da warten die drei Spatzen eben im Buchengestrüpp. «Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch. … Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.»

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