Sommerwetter

Seit Wochen mache ich auf positiv. Ich bin in den letzten Wochen viele Stunden in Galizien durch den Regen gefahren und fand die Landschaft trotzdem schön, das Meer schlicht berauschend, mein Velo hatte nie einen Platten, noch gab es sonst irgendwelche Probleme.

Urs Stieger Berneck
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Seit Wochen mache ich auf positiv. Ich bin in den letzten Wochen viele Stunden in Galizien durch den Regen gefahren und fand die Landschaft trotzdem schön, das Meer schlicht berauschend, mein Velo hatte nie einen Platten, noch gab es sonst irgendwelche Probleme. Der Nebel war manchmal schon ziemlich dicht, das Blinklicht im Helm hat mir sicher gute Dienste geleistet. Ich wurde zwar auch heftig nass, aber das war vom Schweiss und nicht vom Regen, von Jacke über Hose bis zu den Schuhen blieb alles dicht, weder rein noch raus konnte die viele Feuchtigkeit.

Die Plauderei mit einem Holländer, der 2700 Kilometer von Holland bis nach Santiago im Regen gefahren war, im Trockenen unter einem Dach der spärlichen Bushaltehäuschen, reduzierte den eigenen Stolz auf die gefahrenen Kilometer auf ein erträgliches Mass. Er hatte nur einen Pullover, der schwer vom gespeicherten Nass langgezogen bis fast zu den Knien reichte, keine Regenbekleidung wie ich und sprach kein böses Wort. Über das Wetter sprach er gar nicht.

Zurück im Alltag und im Garten war keine Zeit für Reflexionen. Der Weiher ging über, der Keller war voll Wasser, überall kleine Rinnsale, die ich bis jetzt noch nie gesehen hatte. Die Pfingstrosen blühten über und über und waren mit kostbaren Wasserperlen gesättigt, dass sie ihre Blüten trotz Stützringen zur Erde neigten und kaum etwas von ihrer Schönheit zeigten. In einer Regenpause mähte ich die hintere Wiese mit dem Freischneider zum ersten Mal in diesem Jahr. Das liegende, dichte Gras war schwer wie Mist. Mein Gesicht sah trotz Sichtschutz etwa so aus wie das eines Querfeldeinfahrers nach einem Rennen im November.

Meine Gedanken aber waren bei den vielen weissleinenbehosten Gärtnern in den Lifestyle-Magazinen und Gartenbüchern. Wie machen die so etwas bloss, ohne schmutzige Kleider zu bekommen? Würde ich die Wiese nicht mähen, hätten wir nächstes Jahr keine Orchideen, die würden ersticken im hohen Gras. Viele der einheimischen Orchideen sind abhängig von geschnittenen oder abgegrasten Wiesen.

Die Stauden, nein, alles wächst wie im Zeitraffer, grün, grün, grün. Ausser vielleicht das Gemüse. Da weiss man nach dem vielen Starkregen nicht so genau, wo der Salat anfängt, da die unteren Blätter so mit der Erde vermengt sind, dass aus Grün Braun geworden ist. Die Beeren haben auch überraschend viele braune Blätter und dem sehr gefährlichen Buchsbaumpilz geht es blendend. Dafür ist es dem Zünsler zu nass, nirgends sind grüne Raupen im Buchs zu finden.

Die Rosen sind einfach stark! Über und über blühen sie mit festen Blüten. Sie kümmern sich kaum um den Regen, machen halbe Berge von Blumen, auch wenn die Rosenpilze schon bei manchen Stöcken die Blätter restlos abgeräumt haben. Sie werden wieder neue machen, wenn das Unwahrscheinliche trotzdem noch eintritt und trockene Zeiten kommen.

Beim Blick aus dem regensicheren Haus heute Morgen wähnte ich mich irgendwo im Monsunregen in den Tropen, wo man fast ertrinkt im niedergehenden Nass.

Und fand den Garten, kaum wagt man's laut zu sagen, schöner, geheimnisvoller, tropischer, ungewöhnlicher als sonst an Johanni.

Wo ist sie nur geblieben, die Schönwettersehnsucht?