SOMMERSERIE RHESI – TEIL V: Der Rhein und seine Kiesbarone

Die geplanten Aufweitungen des Flussbetts zwischen der Illmündung und dem Bodensee haben Auswirkungen auf Flora und Fauna sowie den Geschiebehaushalt und die Kiesproduktion.

Kurt Latzer
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Kurt Latzer

Warum braucht es das Projekt Rhesi? Auf www.rhesi.org gibt es die Antwort: «Derzeit ist der Alpenrhein für einen Abfluss von 3100 m3/s ausgebaut, das entspricht ungefähr einem 100-jährlichen Hochwasser. Ein Hochwasserereignis mit einem Abfluss von 4300 m3/s findet rein statistisch alle 300 Jahre statt, aber das kann schon nächstes Jahr sein. Hier würden enorme Schäden im gesamten Rheintal entstehen …»

Je schneller der Fluss, desto weiter unten der Kies

Anstatt neue, höhere Dämme zu bauen, hat man beschlossen, dem Fluss mehr Platz zu geben. Damit verringert sich die Fliessgeschwindigkeit, wird der Druck des Wassers auf die Hochwasserdämme verringert und die Natur erhält mehr Raum.

«Das primäre Ziel der Aufweitungen oberhalb von Buchs ist die Reduktion des Geschiebetransportvermögens, damit sich der Alpenrhein nicht mehr weiter eintieft», ist im Kurzbericht 2005 zum Entwicklungskonzept Alpenrhein zu lesen. Je breiter das Flussbett ist, umso geringer die Fliessgeschwindigkeit des Wassers. Während leichte Schwebstoffe in den See transportiert werden, bleiben schwerere Teile, wie beispielsweise Kies, weiter oben im Fluss liegen. Je nach Grösse des Korns. Deshalb gehen die Fachleute davon aus, dass in Zukunft ein grosser Teil der heute im Mündungsbereich entnommenen Geschiebemengen oberhalb der Aufweitungen entnommen werden muss. Denn zu hohe Konzentrationen an Kies und sogenanntem Rheinletten will man am verbreiterten Flussbett verhindern. Die Sohle des Flusses soll in Zukunft möglichst stabil sein, sich nicht zu sehr erhöhen oder vertiefen. Wer aber soll dereinst den Kies aus dem Rhein holen? Wie gut ist dessen Qualität? Kaum jemand in der Region kennt sich mit der Geschichte des Kiesabbaus und dessen Weiterverarbeitung so gut aus wie Hansjörg Sieber, Mitinhaber der Sigmund Sieber AG in Diepoldsau.

Rhein war bei Diepoldsau bis in die 1950er-Jahre breiter

«Mein Vorarlberger Partner, die Firma Zech aus Nüziders, nimmt am See bei Hard zurzeit ungefähr 100000 Kubikmeter Material aus dem Wasser», sagt Hansjörg Sieber. Beim weitaus grössten Teil des Geschiebes handle es sich um Feinanteile, die im Laufe der Zeit zur Verlandung des Mündungsbereichs geführt haben. Um das Geschiebe in tiefere Regionen des Sees zu transportieren, wurde vor Jahrzehnten die Vorstreckung der Rheindämme in Angriff genommen.

«Bis Anfang der 1950er- Jahre war der Rhein bei Diepolds­au breiter, darum musste dort Kies entnommen werden», sagt Sieber. Seither habe sich die Kiesbranche komplett gewandelt. «Auf der Schweizer Seite sind wir heute wie die letzten Mohikaner», sagt der Naturfreund, «früher hat es in Vorarlberg und auf der Schweizer Seite viele Betriebe gegeben, die mit Rheinkies ­geschäftet haben.» Geblieben seien die Firmen Zech ennet dem Rhein, die der Diepoldsauer scherzhaft als Kiesbaron bezeichnet, und die Sigmund Sieber AG.

Wertschöpfung war früher in der Schweiz

Wegen eines in Zukunft möglichen Kiesabbaus bei Rüthi-Lienz oder bei Diepoldsau habe er mit den Rhesi-Verantwortlichen noch nie in Kontakt gestanden. «Vom zukünftigen Kiesabbau habe ich dieses Jahr zum ersten Mal gehört, beim Besuch eines Rhesi-Anlasses in Vorarlberg», sagt Sieber. Auch zur Wertschöpfung durch den Kies und zur Ökologie hat der Diepoldsauer eine Meinung. Früher habe man bei Rüthi und in Diepoldsau Kies gewonnen. «Heute holen wir das Material am See, bei der Firma Zech, und fahren dann damit den Rhein hinauf zu uns. Die Wertschöpfung bleibt in Vorarlberg», sagt der Rheintaler Kiesbaron. Das könne man durch Rhesi in Zukunft vielleicht etwas korrigieren. Wer am Ende im Rhein Kies abbaut und ob es bis dahin noch so viel Kies wie heute braucht, könne man jetzt nicht einschätzen. «Zuerst muss man mit Rhesi starten und den Fluss verbreitern.

Wie viele Jahre es dauert, bis danach Kies aus dem Rhein geholt werden muss, weiss heute niemand», sagt Hansjörg Sieber. Und auch was die Qualität betrifft, hat der Diepoldsauer Bedenken. Denn nicht jeder Kies eignet sich für die Betonproduktion. «Der Sand oder Rheinletten ist gut für Bodenverbesserungen im Riet, eignet sich aber nicht für Beton», sagt Sieber. Für letzteren sei der Sand auf dem Rhein zu fein. Das heisst, man müsste den Kies vom Sand trennen. Hansjörg Sieber sieht dem Ganzen gelassen entgegen. Den grossen Nutzen aus Rhesi ziehen seiner Meinung nach nicht nur die Natur und der Hochwasserschutz, sondern auch die Bewohner beidseits des Grenzflusses.

«Für meinen Geschmack wird zu wenig über die vielen Arbeitsplätze gesprochen, die mit dem Bau des Generationenprojekts und den Folgeaufträgen verbunden sind», sagt Hansjörg Sieber.