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SOMMERSERIE «LEBEN IM ALTER»SOMMERSERIE «LEBEN IM ALTER»: «Sterben ist nichts Schlimmes»

Hansruedi Büchel besucht als Begleiter des Hospizdienstes Rheintal Schwerkranke und Sterbende und leistet ihnen für einige Stunden Gesellschaft. Dies hat seine eigene Einstellung zum Tod grundlegend verändert.
Max Tinner
«Eine schöne Aufgabe, ein sinnvoller Dienst am Mitmenschen», meint Hansruedi Büchel zu seinen Einsätzen für den Hospizdienst Rheintal. (Bild: Max Tinner)

«Eine schöne Aufgabe, ein sinnvoller Dienst am Mitmenschen», meint Hansruedi Büchel zu seinen Einsätzen für den Hospizdienst Rheintal. (Bild: Max Tinner)

Max Tinner

Mit dem Elektrovelo ein Ausfährtli durchs Rheintal machen, in einer Gartenwirtschaft einen scharfen Jass klopfen, gelegentlich ein Reisli unternehmen … So malt man sich als Nocharbeitender das Pensioniertendasein aus. Nach einem arbeitsreichen Berufsleben sei es jedem vergönnt, sich im Ruhestand ein schönes Leben zu machen. Hansruedi Büchels Hobbys sind das Tennisspielen, die Gymnastik und das Theater. Doch nur das Leben zu geniessen, das wäre ihm zu wenig, meint er. Er möchte einen Teil seiner Zeit dem Dienst am Mitmenschen widmen, «etwas Sinnvolles tun». Nach seiner Pensionierung als Versicherungs­generalagent wirkte Büchel deshalb während mehrerer Jahre als Mentor für junge Berufsleute ohne Stelle. Seit gut zwei Jahren schenkt er nun (nach einer vorgängigen Schulung) als Betreuer des Hospizdienstes Rheintal einen Teil seiner Zeit Schwerstkranken und Sterbenden.

Der Hospizdienst Rheintal ist noch in der Aufbauphase und als Projektorganisation dem Hospizdienst St. Gallen angegliedert, hinter dem die Stiftung des Schweizerischen Roten Kreuzes steht. Die Frauen und wenigen Männer, die als Begleiterinnen bzw. Begleiter für den Hospizdienst im Einsatz stehen, machen dies unentgeltlich. Einzig Spesen wie zum Beispiel Fahrtkosten werden vergütet.

Die Angehörigen für ein paar Stunden entlasten

Sinn des Hospizdienstes ist es, die Angehörigen gelegentlich für ein paar Stunden am Krankenbett abzulösen, damit sie Besorgungen machen oder sich einmal ein paar Stunden erholen können. Auch Einsätze im Spital oder in Heimen gibt es gelegentlich, auch nachts. Es ist aber nicht so, dass er täglich auf Krankenbesuch wäre. Letztes Jahr leistete Hansruedi Büchel 16 Einsätze mit insgesamt 70 Stunden, dieses Jahr waren es bis Ende Juni 11 Einsätze mit 30 Stunden.

Achtsam sein und Anteil nehmen

Jeder Einsatz ist anders, erzählt er. Manche schätzten es, jemanden zum Reden zu haben. Andere seien dazu nicht einmal in der Lage. Wieder andere möchten, dass man mit ihnen einen Spaziergang macht, oder schätzen es, dass man mit ihnen spielt oder mit ihnen singt. «Die Bedürfnisse sind ganz unterschiedlich», sagt Hansruedi Büchel. Zuweilen gehe es auch einzig darum, da zu sein, den Kranken spüren zu lassen, dass er nicht allein ist, ihm die Hand zu halten oder auch einmal die Stirn abzutupfen. «Achtsam sein und Anteil nehmen … für den Kranken da sein – darum geht’s», fasst Büchel zusammen.

Die Begleiterinnen und Begleiter leisten aber keinen Pflegedienst, betont Büchel. Dafür sei die Spitex da beziehungsweise bei Einsätzen im Spital oder im Heim die dort angestellten Pflegekräfte. Bei einer Nachtwache im Spital achte man vielleicht auch darauf, dass ein Patient nach der Operation nicht in Panik gerät und sich die Schläuche herausreisst.

Nicht jeder Kranke freue sich zu Beginn über seinen Besuch. Immerhin ist er ein Fremder, der in seine Privatsphäre tritt. Er habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten nach einiger Zeit öffnen und dann sogar dankbar für seine ­Anwesenheit sind, sogar seine Hand mit aller Kraft, die sie noch haben, halten. «Doch», meint Hansruedi Büchel, «in der Regel fühle ich mich willkommen.» Und es dauere jeweils nicht lange, da fühle er sich nicht mehr als Fremder, sondern als Vertrauter.

Dann komme es zuweilen zu tiefgründigen Gesprächen. Büchel erzählt von einem Mann, der nach der Pensionierung schwer erkrankte und nur noch einige Wochen zu leben hatte. Eigentlich hätte er den Ruhestand geniessen und noch viel Zeit mit seiner Familie, mit den Enkeln verbringen wollen. Solches geht Hansruedi Büchel nah, was er vor seinem Gegenüber auch nicht verbirgt. «Besucht man einen Kranken über längere Zeit, baut man eine Beziehung auf; das ist unvermeidbar», erklärt Büchel. Es ist ihm darum wichtig, nach dem Tod des Kranken am Grab von ihm Abschied zu nehmen und den Angehörigen mit einigen persönlichen Gedanken in einer Karte sein Mit­gefühl wissen zu lassen. Die meisten Leute, die er begleitet hat und die gestorben sind, waren teils deutlich jünger als er selbst. Frisch Pensionierte, zwischen 60 und 70. Büchel wird heuer 75.

Mitfühlen, aber nicht mitleiden

Hansruedi Büchel leidet aber nicht unter dem, was er bei den Besuchen bei den Schwerkranken und Sterbenden erlebt. Zum einen kann er sich eine gewisse Distanz bewahren. Zum andern war er schon früh im Leben in der eigenen Familie mit ähnlichen ­Situationen konfrontiert, etwa als seine Mutter seine Grossmutter bei ihnen zu Hause in der Zeit vor deren Tod pflegte. Das sei für ihn entscheidend gewesen, sonst hätte er sich die Einsätze für den Hospizdienst womöglich gar nicht zugetraut, meint er. Er ­empfindet die Einsätze auch nicht als Belastung. «Im Gegenteil», meint er, «ich lerne viel von den Leuten, die ich besuche.» Im Besonderen habe er erkannt, dass auch ein langsames Sterben nichts Schlimmes sei. Auch dereinst pflegebedürftig zu werden, dass einem jemand selbst bei den einfachsten lebensnotwendigen Verrichtungen helfen muss, fürchtet Hansruedi Büchel nicht mehr. Für diese Erkenntnisse ist er dem Hospizdienst dankbar.

Nachdenken über den eigenen Tod

Die meisten würden sich doch wünschen, dereinst friedlich im Schlaf zu sterben; am andern Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen, sinniert Büchel. «Ich wünsche mir das nicht mehr», stellt er fest. «So schwierig die Zeit vor dem Tod unter Umständen ist – die Sterbenden können ihren Angehörigen, und vielleicht auch noch sich selbst, in der Zeit, die ihnen noch bleibt, viel geben.» Ein Mann, den Büchel in seinen letzten Tagen begleitet hat, hat ihn besonders beeindruckt. Der Mann hatte Krebs. Seine Zeit war begrenzt. Solange er konnte, habe er aber seine Hobbys gepflegt, erzählt Büchel. Der Mann habe in sich geruht, Zufriedenheit ausgestrahlt.

Sicher, leicht falle einem der Einsatz für den Hospizdienst nicht, meint er. «Aber es ist eine schöne Aufgabe, ein sinnvoller Dienst an der Allgemeinheit und am Mitmenschen.» Wichtig sei, den Menschen gegenüber aufgeschlossen zu sein, die Leute zu mögen, sagt Büchel, «ich jedenfalls mache das gerne – es ist mir kein Müssen».

Hinweis

Wer die Dienste des Hospizdienstes für die zeitweise Begleitung eines Angehörigen nutzen möchte oder wer als Begleiter einen Teil seiner Zeit schwerkranken Mitmenschen schenken möchte, wende sich an die Stellenleitung des Hospizdienstes Rheintal (Regula Bont) an der Rorschacher­strasse 15 in Altstätten. Telefon 071 755 09 09, E-Mail: info@hos piz-rheintal.ch. Weitere Informationen auf www.hospiz-rheintal.ch.

Diesen Sommer widmen wir eine Artikelserie dem Leben im Alter. Wir gehen dabei auf Aspekte ein, die einen womöglich in jungen Jahren nie gekümmert haben, die im höheren Alter aber plötzlich relevant werden. Wir möchten aber auch Herausforderungen ansprechen, vor denen die Gesellschaft (hier in der Region) steht, weil man immer älter wird und der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt. Und nicht zuletzt lassen wir auch einige ältere Rheintalerinnen und Rheintaler erzählen, wie ihr Leben im Ruhestand aussieht und was sie beschäftigt. (red.)

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