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In Quarten der Schatten, in Quinten die Sonne: Am südlichen Walenseeufer schafft es die Sonne während der Wintermonate kaum über die Berggipfel. (Bild: Michel Canonica)

In Quarten der Schatten, in Quinten die Sonne: Am südlichen Walenseeufer schafft es die Sonne während der Wintermonate kaum über die Berggipfel. (Bild: Michel Canonica)

So lebt es sich am schattigsten Ort der Ostschweiz

Am südlichen Walenseeufer gibt es Orte, auf die im Winter während Wochen kein Sonnenstrahl fällt. Die Bewohner nehmen es gelassen. Immerhin bleibe der Nebel weg. Und wenn sie es nicht mehr aushalten, wissen sie, was zu tun ist.
Janina Gehrig

Dies ist eine Reportage der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Skischuhe der wenigen Passagiere, die in Unterterzen aussteigen, klappern auf dem Asphalt. Die Wintersportler stapfen über die Strasse, bald sind sie in der Gondel verschwunden, die sie Richtung Tannenboden bringt. Der Berg liegt im Schatten, der Schnee nur angedeutet auf dessen Gipfeln. Über den Häusern am Hang zieht sich die Autobahn nach Zürich.

An den Scheiben des «Schuppä-Kafi» am Bahnhof kleben Plakate in Leuchtfarben. «Cüpli» und «Aprikosen-Lutz» werden angepriesen. «Wollen Sie draussen sitzen?», fragt die Kellnerin. Die Sonnenstunden sind gezählt. Laut dem Wetterdienst Meteonews scheint in den Wintermonaten die Sonne nirgends so selten wie hier, am südlichen Ufer des Walensees, zwischen Murg und Mols.

Auf der Sonnenseite des Sees wachsen Feigen und Kiwis

2800 Menschen wohnen in den fünf Ortsgemeinden rund um Unterterzen. Im zweiten Stock des Rathauses sitzt Gemeindepräsident Erich Zoller. Es ist 11.29 Uhr. Zoller steht auf und schaltet das Licht aus. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. In diesem Moment klettert die Sonne über den Berggipfel, beleuchtet Zollers Bürotisch. «Bis nach dem Mittagessen hält sie», sagt er. Er mag es nicht, dass seine Gemeinde mit Schatten in Verbindung gebracht wird.

Erich Zoller, Gemeindepräsident von Quarten.

Erich Zoller, Gemeindepräsident von Quarten.

Tatsächlich gebe es Orte in der Gemeinde, etwa Mols oder die leicht erhöhten Dörfer Quarten und Oberterzen, die im Winter keinen Sonnenstrahl abbekämen, räumt Zoller ein, der schon die Gemeinden Weesen, Sargans und Rapperswil-Jona präsidierte. Dafür herrsche am Walensee mildes Rheintal-Klima, häufig bläst der Föhnwind. So gehöre der Edelkastanienwald oberhalb von Murg zu den grössten am Alpenhang. Und auf der anderen Seite des Sees, auf der Sonnenseite bei Quinten, wachsen Weintrauben, Feigen, und Kiwis. «Wollen wir an die Sonne, können wir mit dem Schiff über den See fahren oder in eine Gondel steigen», sagt Zoller.

Neben ihm am Tisch sitzt sein Vorgänger, Balz Manhart. Er ist in Mols aufgewachsen. Vom 10. November bis anfangs Februar scheint keine Sonne an sein Haus. Das habe ihn nie gestört. Die vier Jahreszeiten seien hier besonders intensiv erlebbar. Und schliesslich habe man von dieser Seeseite her die bessere Aussicht: Sicht auf das, was an der Sonne liegt. Auch heute ragen die Churfirsten in den blauen Himmel, die Sonne scheint ihnen an die Rückwand. Manhart sagt:

«Als Kinder war es uns wichtig, dass der Schnee lange liegen blieb.»

Dennoch ist es wohl der Sommer, der Manhart für die langen Schattentage im Winter entschädigt. Zwischen April und Oktober werde er bereits gegen 6.45 Uhr geweckt, wenn die Sonne über die Krete steige. Sowohl Manhart als auch Zoller betonen, schlimmer als der Schatten sei der Nebel. Und der komme eigentlich nie bis hierher. Die Berge sperren ihn aus, er bleibt über der Linthebene hängen.

Zwar bleibt die Sonne im Winter häufig weg, aber dank der Berge auch der Nebel. (Bild: Michel Canonica)

Zwar bleibt die Sonne im Winter häufig weg, aber dank der Berge auch der Nebel. (Bild: Michel Canonica)

Zehn Minuten Sonne pro Tag

Hört man sich im Dorf um, klingt es ähnlich optimistisch. Im Parkplatzschild vor dem Restaurant Freieck klafft ein Loch. Drinnen läuft Handorgelmusik, am Stammtisch sitzen vier Gäste um das Wirtepaar Gemperle. Es gibt Baumnüsse und Weisswein. An der Wand hängt eine Kuhglocke mit dem Schild «Saufecke», auf den Tischen liegen Tannenzweige und Kärtchen mit der Aufschrift «Feiern Sie mit uns Silvester».

Ob es sie störe, am schattigsten Ort der Ostschweiz zu leben? «Das stimmt doch gar nicht», heisst es sofort. «Ich habe zehn Minuten Sonne pro Tag», sagt einer. «Solange die Sonne nicht scheint, hab ich keinen Durst», scherzt der Mann mit Sonnenbrille, der «Tscherni» genannt wird. Gelächter.

«Tscherni» trägt die Sonnenbrille, weil er sehbehindert ist. Er sei wirklich zu bemitleiden, schliesslich stamme er aus Mühlehorn, dem Dorf hinter der Grenze zu Glarus. «Da ist es schattig», sagen die anderen am Tisch. Wieder Gelächter. Um zu belegen, wie lange die Sonne im Sommer scheint, zückt Susanne Gemperle ihr Handy. Sonnenuntergangsbilder vom September. «Da ist es 21 Uhr.» Sie wischt über den Bildschirm. Der See in rosa Licht, der See in gelbem Licht, in der Mitte eine Palme. Gemperle betreibt nicht nur das Gasthaus Freieck, sondern auch «Susi’s Strandbar» am Seeufer.

Im Sommer geht die Sonne hier erst um 21 Uhr unter, sagt Susanne Gemperle, die Betreiberin der Strandbar. (Bild: Michel Canonica)

Im Sommer geht die Sonne hier erst um 21 Uhr unter, sagt Susanne Gemperle, die Betreiberin der Strandbar. (Bild: Michel Canonica)

Das touristische Image hat gelitten

Auf dieser Halbinsel hinter der Bahnlinie, wo die Sonne am längsten verharrt, ehe sie gegen Westen wandert, stand früher das Zementwerk der Firma Holcim. Holländisch-deutsche Investoren eröffneten hier vor zehn Jahren das Resort Walensee, ein Feriendorf mit Hotel und 18 Ferienhäusern. Das touristische Vorzeigeprojekt landete in der Misere. Die Betreiberin des Hotels, die Walensee Resort AG, kämpfte bereits ein Jahr nach Eröffnung mit finanziellen Problemen, 2017 ging sie Konkurs. Obwohl dies die Ferienwohnungen nicht tangierte, litt das touristische Image.

Gemeindepräsident Zoller führt über den Kiesweg zum Hotel. Die Palmen am Ufer sind nun in Jute gepackt. «Es hat wehgetan, dass das Restaurant während dreier Jahre nur eingeschränkt betrieben wurde», sagt er. Jetzt hegt Zoller Hoffnung. Vor kurzem haben die Bergbahnen Flumserberg mit mehreren regionalen Investoren das Walensee Resort gekauft. Im nächsten Frühling wird das Restaurant wieder eröffnet. Schrittweise soll auch das Hotel wieder als solches betrieben werden.

In Quarten, sagt Zoller, hänge fast jeder zweite Arbeitsplatz vom Tourismus ab. Noch mehr, seit die örtliche Streichholzfabrik ihren Betrieb einstellte und auch die Spinnerei im Nachbardorf Murg ihre Tore schloss. So würde man zunehmend auf ganzjährige Angebote setzen. Etwa auf den Themenspielplatz, die Rodelbahn, Biketrails auf den Flumserbergen oder das neueste Projekt, die Verbreiterung des Seeuferwegs für Spaziergänger und Velofahrer.

Mols liegt in einer Kurve vor Unterterzen. Hier scheint im Winter die Sonne während Wochen nicht hin. (Bild: Michel Canonica)

Mols liegt in einer Kurve vor Unterterzen. Hier scheint im Winter die Sonne während Wochen nicht hin. (Bild: Michel Canonica)

Zwei Kilometer östlich von Unterterzen liegt Mols. Hier, wo die Walenseestrasse eine Kurve macht, sind die Häuser in knalligem Gelb und leuchtendem Orange gestrichen. Es ist 15 Uhr. Die Glocken läuten lange. Die Kirche bleibt leer. Eine Frau und ihr Pferd trotten den Hügel hoch. Am Wegrand steht ein Christbäumchen. Dessen Lichterkette surrt vor sich hin, als bekäme sie bald keinen Strom mehr.

Im Restaurant Schifffahrt sitzt Otto Scherrer. Wie jeden Tag kommt der 77-Jährige aus Unterterzen für ein Fläschchen Kalterersee vorbei. Die Jacke behält er dabei an. Ob ihm der Schatten im Winter etwas ausmache? «Lieber keine Sonne als Nebel», sagt er. Ein Blick ins Leere, Achselzucken. Dann legt Scherrer ein paar 20-Räppler-Stücke auf den Tisch. Es ist Zeit, heimzufahren. Draussen dämmert es schon bald.

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